Eiko Grimberg

Architecture Without Context
Bilder und Fußnoten zur italienischen Moderne

Mittwoch, 06. Mai 2015, 20.00 Uhr

"In Cernobbio hat Cesare Cattaneo sich ein Haus gebaut. Casa d’affitto, 1938/39. Das Gebäude wirkt isoliert, seine rationalistische Formsprache wie aus dem Zusammenhang gerissen. Ich merke, dass die Architektur selbst mich nicht wirklich interessiert und nehme das nächste Boot zur Isola Comacina. Hier hat Pietro Lingeri drei Sommerresidenzen für Künstler realisiert, Case per artisti, 1938. Vorbild war das Ferienhaus von Le Corbusier in Les Mathes, wie ich im Reiseführer lese. Die Insel kostet Eintritt. Die moderne Architektur konkurriert mit der Ruine einer Basilika aus dem zwölften Jahrhundert. Hauptattraktion der Insel aber ist das Restaurant Locanda, in dem schon Konrad Adenauer und Madonna gegessen haben.

1926 schreibt die Stadt Como einen Wettbewerb für ein Denkmal der Gefallenen des Weltkriegs aus. Keiner der prämierten Beiträge wird realisiert. Marinetti überzeugt den Bürgermeister, der Planung eine Zeichnung von Antonio Sant’Elia zu Grunde zu legen: Torre Faro, 1914. Aus der Vision eines Leuchtturms der Stadt von morgen machen dann die Brüder Terragni, die schließlich den Zuschlag bekommen, einen großen Grabstein für die Toten von gestern. Monumento ai caduti di Como, 1931–33. Zeitgleich baut Gianni Mantero in unmittelbarer Nachbarschaft den Sitz des lokalen Rudervereins. Zufällig treffe ich am Eingang den Präsidenten des Vereins, der sich für mich freut und sagt, ich hätte Glück, er sei der Präsident und könne mir alles zeigen. Oben auf der Terrasse lädt er mich zum Kaffee ein. Der Sprungturm mit seiner gewagten Stahlbetonkonstruktion ist der Stolz des Clubs. Später finde ich im Netz eine Aufnahme, die Bildunterschrift weist ihn als 'fascist diving board' aus."

(Eiko Grimberg)

 

In seinem Bildvortrag beschäftigt der Künstler Eiko Grimberg sich mit der faschistischen Architektur Italiens. Im Fokus steht dabei das Verhältnis moderner und klassizistischer Anteile. Der unverkrampfte Umgang mit diesen Bauten heute spiegelt gleichzeitig den Umgang mit dieser faschistischen Vergangenheit insgesamt. Die moderne italienische Architektur, die Grimberg in seinem Buch „Future History“ zeigt, wurde für einen anderen politischen Kontext gebaut, als den, in dem sie heute zu sehen ist. Sie hat ihn überlebt. Diese Gebäude werden nach wie vor als Postämter, Kindergärten, Bahnhöfe oder Ministerien genutzt. Ihrer früheren Funktion als visuelle Repräsentanz des faschistischen Staates sind sie entledigt.

Dennoch bezeugen sie als Bauten weiterhin die faschistische Geschichte und ihre Ideale. Sie bleiben als Bauten in allen ihren Elementen politisch. Ihre Auftraggeber, die Funktion der Gebäude und die Selbstauskunft der Architekten in ihren Manifesten bezeugen ihren ideologischen Charakter. Selbst der Stein, aus dem sie gebaut wurden, kann ideologisch sein, wenn aufgrund von Autarkiebestrebungen einheimische Materialien bevorzugt und entsprechende Vorgaben in den Wettbewerbsausschreibungen gemacht wurden.

„Wenn sich die Architekten als Kinder ihrer Zeit verstanden haben, dann ist das als politische Haltung ernst zu nehmen. Und dieser Zeitgeist war der Faschismus“, sagt Grimberg. Eigenartig wirkt der Pluralismus der frühen italo-faschistischen Architektur: bis in die 1930er Jahre wurde sowohl rationalistisch, im Sinne der europäischen Moderne und traditionell, im Sinne des Neoklassizismus gebaut.

Mussolini hat zunächst unterschiedliche Schulen zugelassen. Es gab keine ästhetische Doktrin. In den ersten Jahren konkurrierten Passatisten und Futuristen. Die jungen Architekten des Gruppo 7 eiferten Architekten der europäischen Moderne wie Corbusier, Gropius und Salvisberg nach und strebten eine italienische Variante des Internationalen Stils mit nationalen Eigenheiten an. „Wir wollen einzig und allein exakt unserer Zeit angehören, und unsere Kunst will die sein, die die Zeit erfordert. Ihr ganz und gar angehört zu haben, mit all ihren guten und schlechten Seiten, das wird unser Stolz sein“, heißt es in ihrem Manifest.

Die Konkurrenz, die so genannte Römische Schule setzte auf einen moderaten Modernismus mit einigen neoklassizistischen Elementen. Der Pluralismus in der Architektur des faschistischen Italiens verschwand erst nach der Ausrufung des Imperiums 1936. Danach setzte sich der dem Neoklassizismus verwandte Stile Littorio durch, den man heute gemeinhin als klassischen faschistischen Stil kennt.

 

In Kooperation mit der Rosa-Luxemburg-Initiative Bremen

Eiko Grimberg