Of the Universe

Hannah Regenberg in der Meisterschüleraustellung

28. Juni - 19. Oktober 2014
Weserburg | Museum für moderne Kunst

An den Arbeiten von Hannah Regenberg scheint bedeutsam zu sein, dass sie sich gerade nicht in irgendwie kritischer Weise mit Werbung „auseinandersetzen“, sondern die Schriftzüge und das graphische Material, das teilweise der Werbung entnommen ist, in einem Maße verändern, dass es als identifizierbarer Wirklichkeitsrest nachgerade von den Werken verzehrt und dass es fragwürdig wird, welche Bedeutung für das am Ende vorhandene Objekt die Herkunft des Materials und der Prozess seiner Transformation überhaupt noch haben: Das Verhältnis der Werke zur Wirklichkeit, in der sie ihr Material finden, wird den Werken selbst zum Problem, statt dass diese nur kritisch, parodistisch oder sonstwie auf die Wirklichkeit antworten würden. Die Werke selbst sind Ergebnis eines Prozesses mehrfacher Vermittlung von Abstraktion und Konkretion, was sich anhand der Verwendung der Buchstaben ve anschaulichen lässt: Die Buchstaben des Alphabets, von denen viele der Arbeiten ihren Ausgang nehmen, sind als Konstituenten des Systems der Sprache Abstraktion, die sich in spezifischen Figuren konkretisiert. Damit die Buchstaben als Konstituenten der Sprache gelesen werden können, muss ihr bildhaftes, figuratives Moment zwar erkannt, aber auch gleichsam übersprungen werden, es darf sich nicht in den Mittelpunkt drängen, von ihm muss im Prozess des Sprachverstehens abgesehen werden. Werbung – darin kommt sie dem sich so subversiv gebenden iconic turn entgegen – bringt an den Buchstaben ihr bildhaftes Moment zur Geltung, verwandelt sie tendenziell zurück ins Bild, ohne sie jedoch darin aufgehen zu lassen, was dem Zweck der Propaganda widerspräche: Sie ist eine trübe Fusion aus Bild und Schrift zwecks Anpreisung einer alles andere als empfehlenswerten Wirklichkeit. Das aber interessiert Hannah Regenberg mit Recht nicht, weil die Kritik dieses längst durchschauten, wenngleich auch bei den Durchschauern weiterhin wirksamen Tricks notwendig schal und vorhersehbar geriete.

Stattdessen verwendet sie Buchstaben als Objekte in einer Weise, die sie wiederum in – nun aber nicht sprachlich, sondern bildnerisch vermittelte – Abstraktion umschlagen lässt: Ihr bildhaftes Moment erlischt gleichsam in Arrangements, denen man die Formen, aus denen sie entstanden sind, kaum mehr ansieht und durch nachvollziehende Rekonstruktion des Entstehungsprozesses erst wieder abgewinnen müsste. Das regressive Moment, das immer darin liegt, Formen der Abstraktion zurückzuführen aufs vermeintlich Konkrete, wird dadurch nicht nur vermieden, sondern ihm wird widersprochen durch ein Verfahren, das der Tendenz zur Reikonisierung des Abstrakten wide steht. Gleichzeitig entsteht dadurch ein neuer Widerspruch, den die Werke nicht lösen, sondern verkörpern: Weil Abstraktion nie rein sein kann, ja sogar, je strenger sie dem eigenen Gesetz folgt, immer stärker wiederum zur Bil haftigkeit tendiert, können sie sich des Moments der Anschauung nicht entledigen. Reflektiert wird dieser Widerspruch in Hannah Regenbergs Arbeiten vor allem dadurch, dass die Spuren der Herstellung, etwa die Verschmierungen und Unreinheiten beim Druck, stehenbleiben, was ihnen einen Gestus des Imperfekten verleiht, an dessen Fehlen strenge Werke der Abstraktion gerade leiden. Sie verlieren dadurch jedoch nicht den Charakter des Spröden, des Sich-Verschließens gegenüber einem Umfeld, das verlangt, Kunst müsse in ihre Umgebung intervenieren, auf sie antworten und in eine Interaktion mit dem Betrachter treten, deren Modell die Kommunikation als falsche Vermittlung ist.

Magnus Klaue

 

Erschienen in:

Of the Universe
Meisterschüler 2014
Katalog zur gleichnamigen Ausstellung
Weserburg | Museum für moderne Kunst
28. Juni - 19. Oktober 2014

O.T./O.T.  (Detail) |  2014
Foto: Franziska von den Driesch

O.T./O.T.  |  2014
2 Porzellangefäße, Pigmente, Ölfarbe, Ständer
Durchmesser ca. 26 cm, Höhe Ständer 102 cm
Foto: Franziska von den Driesch

Register  |  2014
11 Siebdrucke auf Acrylglasplatten, Stahlgerüst
175 x 91 x 85 cm
Foto: Franziska von den Driesch

Register  (Detail) |  2014
Foto: Franziska von den Driesch

Ausstellungsansicht
Foto: Franziska von den Driesch