Michaela Melián

Hausmusik

07. September 2013 - 11. Oktober 2013

Michaela Melián nimmt für ihre Sound-Installation "Hausmusik" folgendes Ereignis zum Ausgangspunkt: 1982 realisierte John Cage in Bremen "A House Full of Music". Es handelte sich dabei um eine radiogenerierte Komposition, die Cage mit mehr als 800 Kindern und Jugendlichen aufführte. 56 Ensembles von Amateurmusikern in unterschiedlichsten Besetzungen spielten in 50 Räumen des Überseemuseums simultan aus ihrem Repertoire Tango, Ragtime, Jazz, Mozart oder Bach. Die Besucher des Spektakels konnten sich zwischen den Musikgruppen bewegen.

"A House Full of Music" wurde von Radio Bremen produziert und in den Senderaum der Eurovision, der Union der Europäischen Rundfunkorganisationen und in die USA übertragen. Mehrfach tauchte im Stimmengewirr des "A House Full of Music" die Erkennungsmelodie der Eurovision auf. Für die Live-Übertragung mischte Cage die Stücke nach einer eigens hierfür erstellten Partitur. Die Hörer am Radio empfingen Cages Komposition. Die Tontechniker berichteten von zahlreichen Beschwerde-Anrufen der Radiohörer. Cages Komposition hielten sie für eine Art Funkstörung. Cage war seit 1959 von Hans Otte, dem Hauptabteilungsleiter für Musik bei Radio Bremen und Gründer der Reihe Musica Nova, regelmäßig nach Bremen eingeladen worden.

Im K' - Zentrum Aktuelle Kunst wird für "Hausmusik" eine große Klanginstallation aufgebaut. Mit einem Mischpult können die Besucher aus verschiedenen Einspielungen der Eurovisionshymne, die Michaela Melián produziert hat, eigene Kompositionen arrangieren.

Vernissage   Freitag, 06. September, 20 Uhr

Öffnungszeiten
Donnerstag + Freitag, 16 - 19 Uhr
Samstag + Sonntag, 14 - 17 Uhr
Weitere Termine nach Vereinbarung

Zur Ausstellung erscheint die Edition Hausmusik / Eurovision

Mit freundlicher Unterstützung durch den Senator für Kultur Bremen

Info

Frequency Hopping 1
2010 / 2013 | 42 x 51 cm
Faden, Inkjet, Papier

Galerie

Frequency Hopping 2
2010 / 2013 | 42 x 51 cm
Faden, Inkjet, Papier

Frequency Hopping 3
2010 / 2013 | 42 x 51 cm
Faden, Inkjet, Papier

Frequency Hopping 4
2010 / 2013 | 42 x 51 cm
Faden, Inkjet, Papier

Europa von unten
Andreas Schnell  |  die tageszeitung, 07. September 2013

Wer in der alten Bundesrepublik Teile seines Lebens vor dem Fernseher verbrachte, kann es in und auswendig, das Präludium des "Te Deum" von Marc-Antoine Charpentier - auch wenn er oder sie es nicht weiß. Nun gut, es ist auch nicht das ganze Präludium, nur das Hauptmotiv, das seither als Erkennungsmelodie der von den Europäischen Sendeanstalten gemeinsam produzierten Sendungen in Hörfunk und Fernsehen vor Gemeinschaftsproduktionen ausgestrahlt wurde - und wird. Aber dazu später mehr.

Was ja schon einmal interessant ist: ein Te Deum als Fanfare für ein demokratisches Europa. Ein weiteres in diesem Kontext geradezu pikantes Detail hat Michaela Melián, die am Freitag ihre Ausstellung "Hausmusik" im K' - Zentrum Aktuelle Kunst in Bremen präsentiert, auch noch über diese berühmten Takte herausgefunden: Er war am Hof Ludwigs XIV. als Musiklehrer angestellt, wobei es zu seinen Obliegenheiten gehörte, zu feierlichen Anlässen zu komponieren.

Schneller Vorlauf: Im Jahr 1982 realisiert John Cage im Auftrag von Radio Bremen im Überseemuseum mit fast 800 Kindern und Jugendlichen das Projekt "A House Full Of Music", das auch in den Senderaum der Eurovision übertragen wird und - natürlich mit "Te deum" vorneweg - gesendet. Aber es taucht auch im "House Full Of Music" noch einmal auf: Melián entdeckte am Ende der Produktion das Motiv noch einmal, vorgetragen von einem Blockflötenensemble.

Cages "House Full Of Music" und damit die Eurovisions-Fanfare wurden für Melián zum Ausgangspunkt einer Installation, die das Herzstück ihrer aktuellen Ausstellung bildet. Wobei deren Titel "Hausmusik" gleich mehrfach codiert ist: Weil ein Projekt wie das "House Full Of Music" heute ja geradezu surrealistisch erscheinen muss, es weder ästhetisch noch ökonomisch denkbar wäre, weil kein Radiosender, kein privater Sponsor oder ein staatliches Institut die dazugehörigen Mittel für so etwas bereitstellte, galt es, sich zu beschränken.

Statt mit Musikern arbeitet die Künstlerin mit einem Aufbau, der ein wenig an das Bremer Lautsprecher-Orchester erinnert, das kürzlich in Bremen Premiere hatte, und spielte die komplette Musik selbst ein. Wo bei Cage Hunderte von Musikanten und Musikantinnen verschiedene Werke von Bach bis Tango spielten, die vom Meister selbst live abgemischt wurden, sodass im Radio schließlich etwas ganz anderes zu hören war als am Ort des Geschehens, gibt es hier ausschließlich die wenigen, berühmten Te-Deum-Takte zu hören. Und das auch nicht live, sondern aus der Konserve, einmal übrigens gar von einem Blockflötenquartett eingespielt - viermal Michaela Melián.

Was einst strahlend eben auch Cages "House Full Of Music" ankündigte und heute beispielsweise den berüchtigen Song Contest, kündigt hier allerdings nichts an, ist ein Jingle ohne direkten Bezug. Aber halt! Wie war das mit Europa? Vielleicht wird hier ein ästhetischer Weg zu einem geradezu utopischen Moment frei: Anstelle eines allmächtigen Klangregisseurs darf im K' nämlich im Prinzip jeder und jede an die Regler, die steuern, welche Varianten der Fanfare in welchen Mischungsverhältnissen zu hören sind, vom Bass-Solo über das Blöckflötenquartett oder eine reine Schlagzeugversion bis hin zur einer Jimi-Hendrix-Dekonstruktion. Oder eben: alles oder nichts.

Die Arbeit realisiert sich damit erst durch das Publikum, das auch ohne musikalische Vorkenntnisse aus dem synchronisierten Spuren-Konvolut seine Version der Fanfare kreieren kann. Zugleich ist diese "Eurovision" nie vollendet. Fragt sich nur, wann sie in ihrer ewigen Wiederkehr zu nerven beginnt.

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