Wolfgang Müller

Plasmabrocken
Die Kunst der Zukunft 

16. März 2013 - 19. April 2013

Warum ist nicht alles schon verschwunden? fragte sich schon Jean Baudrillard, warum bleibt immer ein Rest? Auch der Kunst wird regelmäßig die totale Auflösung, ihr bevorstehendes Ende vorausgesagt. Wolfgang Müllers 2011 erschienener Science-Fiction Roman KOSMAS spielt in der Welt der Kunst und ihrer prophezeiten Auflösung. KOSMAS beginnt in der Gegenwart, in der tote, präparierte Echtkörper von den Medien und dem Kunstbetrieb erfolgreich als Spitzenwerke der zeitgenössischen Kunst präsentiert werden. Wolfgang Müller nennt das in seinem Roman: Die Salonkunst der Zukunft als Avantgarde der Gegenwart.

Medien, Effekte, Geld und Publikumsrekorde begleiten Künstler wie Damien Hirst (präparierte Tiere) bis Gunther von Hagens (präparierte Menschen). In KOSMAS geht die Kunst über die Tier- und Menschenleichen. Sogenannte Plasmabrocken lösen eine Revolution in der Kunstgeschichte aus. Diese organischen Kunstwerke sind eigenständige Lebewesen: "Fasziniert verfolgten die Sammler, wie sich ihr Kunstwerk selbstständig machte. Manche hatten ihm sogar Sprechen, Lesen und Laufen beigebracht." In Zeichnungen und Materialinstallationen nähert Wolfgang Müller sich dieser Kunst der Zukunft an.

Ein Sinnbild hierfür ist die Möbiusschleife, von der einige luzide und farbige Exemplare in der Ausstellung gezeigt werden. Die Möbiusschleife, eine antihierarchische, amorphe und im Grunde gestische Form: "Ihr Oben und Unten sind ununterscheidbar. Sie kennt kein Innen und kein Außen, weil ihr Außen das Innen und ihr Innen das Außen zugleich ist. Sie trennt und vereint gleichermaßen", schrieb Wolfgang Müller einmal. Man kann auch nicht so genau sagen, ob die Möbiusschleife lebendig ist oder zur toten Materie gehört. Entstehen ihre Bewegungen im Raum aus eigenem physischem Antrieb, oder durch äußere Umstände, wie etwa Wind und Wärme?

Einen Versuch, Totem Leben einzuhauchen, stellt der folgende Werkkomplex dar: Müller rekonstruiert anhand alter ornithologischer Forschungsberichte ausgestorbene Vogelarten in Gesang und Gestalt. Im K' sind Zeichnungen solcher verschwundener Vögel zu sehen - darunter der Hawaii-Krausschwanz, der Jamaika Teufelssturmvogel und der Guadelupe-Caracara.

Vernissage   Freitag, 15. März, 19 Uhr

Vortrag   Donnerstag, 18. April, 20 Uhr
Frank Apunkt Schneider: Als die Welt noch unterging. Von Punk zu NDW

Lesung   Sonntag, 21. April, 19.30 Uhr | Schwankhalle
Wolfgang Müller liest aus seinem Roman KOSMAS

Öffnungszeiten
Donnerstag + Freitag, 16 - 19 Uhr | Samstag + Sonntag, 14 - 17 Uhr
Weitere Termine nach Vereinbarung

Zur Ausstellung erscheinen ein Künstlerbuch im Hybriden Verlag und die Audiokassette Losspielen von Die Tödliche Doris bei Mauerstadtmusik und K'

Im Rahmen der Ausstellung "Bandsalat - Aufnahme, Rücklauf, Wiedergabe, Stopp" sind im Studienzentrum für Künstlerpublikationen in der Weserburg noch bis zum 05. Mai Audiokassetten von Wolfgang Müllers Band Die Tödliche Doris zu sehen.

Mit freundlicher Unterstützung durch den Senator für Kultur Bremen

Info

Hawaii Krausschwanz 12

Galerie

Hawaii Krausschwanz 7

Radek Krolczyk
Einführung zur Ausstellung Wolfgang Müller "Plasmabrocken"

Einführung

Tote Vögel fliegen hoch
Andreas Schnell  |  die tageszeitung, 16. März 2013

Von Kurt Schwitters wird berichtet, dass er regelmäßig auf der norwegischen Insel Hjertøya den Sommer verbrachte und dort regelmäßig auf Bäumen sein legendäres Geräuschpoem "Ursonate" rezitierte. Als der Berliner Künstler Wolfgang Müller in den neunziger Jahren auf Schwitters' Spuren auf die Insel reiste, hörte er dort Stare, deren Gesang verdächtige Ähnlichkeit mit Schwitters' Lautgedicht hatte. Er nahm diesen Gesang auf und präsentierte die Aufnahmen im Rahmen einer Ausstellung in Berlin.

Was folgte, lässt sich wohl am besten als Posse bezeichnen. Die Gustav Kiepenheuer Bühnenvertriebs GmbH, die die Aufführungsrechte der "Ursonate" besitzt, wollte wissen, wie der Künstler "die Genehmigung hierzu erhalten habe, damit wir der Sache nachgehen können". Der Briefwechsel ist in Wolfgang Müllers Broschüre "Die Nachtigall von Reykjavik" dokumentiert. Vögel spielen in Müllers künstlerischer Arbeit auch sonst eine wichtige Rolle. Aber "Plasmabrocken", so der Titel der Ausstellung, die ab heute (Freitag, 15. März) im K' - Zentrum Aktuelle Kunst in Bremen zu sehen ist, sind sie natürlich nicht. Und was die wiederum mit den Möbiusschleifen zu tun haben, die neben den Vogelzeichnungen und einem Video, das Müller bei einer Lesung aus seinem Roman "Kosmas" zeigt, in der Ausstellung zu sehen sind, erschließt sich nicht ohne Weiteres.

Radek Krolczyk, der die Galerie mit Eric Peters betreibt, gibt zu, dass die Ausstellung ein wenig diffus erscheint. Der Roman "Kosmas" ist so etwas wie der Schlüssel zu den "Plasmabrocken", die - Untertitel - für nicht weniger als "die Kunst der Zukunft" stehen. Der Roman erzählt die Geschichte eines britischen Kunststudenten namens Damien Hirst, der tote Tiere konserviert und damit berühmt wird.

Die Natur wird in Müllers satirischem Roman so zur letzten Ressource einer Kunst in der Krise. Weil aber auch auf dem Kunstmarkt nichts für immer ist, muss sich Hirst bald schon etwas Neues einfallen lassen: "Plasmabrocken - die Kunst der Zukunft". So wird die Natur, die ihrerseits vom Menschen bereits verändert ist, zu Kunst, in ihr aber eben auch erst wieder lebendig.

Die Möbiusschleifen nun sind damit eher assoziativ verbunden. Ihre Form ist offen, endlos, fließend, kennt kein Oben und kein Unten, kein echtes Innen oder Außen. "Antihierarchisch" nennt Krolczyk das. Was einerseits auf die Achtzigerjahre in Berlin verweist, das damals viel Raum für künstlerische und soziale Experimente war, ein wichtiger Ort auch für Punk, der sich täglich neu erfand und an dem Müller mit seiner Band Die Tödliche Doris wichtigen Anteil hatte, sein Buch "Subkultur Westberlin 1979-1989" erzählt die Geschichte jener Jahre. Die Schleifen ließen sich aber auch lesen als Exemplare einer neuen Kunst, die die organischen Strukturen der Natur ebenso aufgreift wie deren ständige Selbsterneuerung im kontinuierlichen Wandel.

Und auch die ausgestorbenen Vögel, die in Buntstiftzeichnungen auf Papier die Wände der Galerie besetzen, sind auf ihre eigene Weise Gewandelte, verwandelt durch die Unschärfen der Beschreibung: Rekonstruiert aus ornithologischer Literatur erstehen die schon seit über 100 Jahren ausgestorbenen Arten bei Wolfgang Müller zu neuem Leben, in Bremen leider nur optisch - die dazugehörigen Gesänge, die er wie die Ansichten aus den Aufzeichnungen der Vogelkunde nachbildete, hat Müller auf dem Album "Séance Vocibus Avium" verewigt.

Presse