Lena Schmidt

Power Lines

24. November 2012 - 21. Dezember 2012

Power Lines ist eine Bezeichnung für Überlandleitungen. Power ist Strom, aber auch Macht, die Linien leiten dieses und jenes. Sie verbinden unterschiedlichste Orte miteinander, indem sie Strom oder Informationen transportieren. Power Lines bezeichnen eine marode, fragile und vereinsamte Form der Macht. An Unorten, den Orten des Übergangs, Parkplätzen, Feldern, Industriebrachen, gibt es nichts als sie; sie erinnern an Straßen, Schienen und Kanäle. Dort erscheinen sie wie Schlösser oder Kathedralen, erstrahlen als Wahrzeichen einer im Untergang begriffenen Welt. Lena Schmidt interessiert sich für diese Verbindungen. Nachts besucht sie solche Unorte und fertigt Zeichnungen von ihnen an. Auf industriell vernutztes Holz, Schienenstreben, Pfosten, Baubretter überträgt sie diese öden Landschaften. Das Holzmaterial bearbeitet sie mit scharfen Gegenständen und Markern. Auf diese Weise entstehen hybride Bild-Objekte, Mischformen zwischen Objet trouvé und Momentaufnahme.

Vernissage   Freitag, 23. November, 19 Uhr 
Künstlergespräch   Donnerstag, 06. Dezember, 19 Uhr 
Finissage   Freitag, 21. Dezember, 19 Uhr 

Öffnungszeiten
Mittwoch - Freitag, 16 - 19 Uhr | Sonntag, 12 Uhr, Führung

Der Katalog zur Ausstellung kostet 10 € und kann über versand@k-strich.de bestellt werden.

Mit freundlicher Unterstützung durch den Senator für Kultur Bremen

Info

Dheli
2012 | 92 x 80 cm
Foto: ©2012 Christoph Schiffer

Galerie

Anjuna-Mapusa Road No.2
2012 | 125 x 131,5 cm
Foto: ©2012 Christoph Schiffer

Autobahn No. 3
2012 | 76 x 57 cm
Foto: ©2012 Christoph Schiffer

Brandshofhalle
2007 | 200 x 81 cm
Foto: ©2012 Christoph Schiffer

Neue Galerie für Kunst und Politik im Viertel
Sara Sundermann  |  Weser-Kurier, 23. November 2012

Einen Raum für politische Gegenwartskunst bietet die neue Galerie „K’ – Zentrum Aktuelle Kunst“ im Ostertor. Sie versteht sich als Schnittstelle zwischen Kunst, Gesellschaftskritik und Popkultur. Radek Krolczyk und Eric Peters leiten die Galerie und beziehen offen Position. „Wir sind Kommunisten“, sagt Radek Krolczyk, der als freier Journalist arbeitet und unter anderem Führungen im Gerhard-Marcks-Haus macht. Schon die Herkunft des Namens der Galerie soll eine politische Positionierung sein. Dieser Name bezieht sich auf die Theorien von Karl Marx. Kunst ist eine Ware, doch sie ist mehr als das – für diesen Überschuss, der sich der Verwertbarkeit entzieht, soll K’ stehen, so erklärt es Krolczyk.

Die politische Selbsteinordnung ist plakativ, im Umgang mit der Kunst ist der Galerist behutsamer. Er will komplexe, vielschichtige Arbeiten zeigen. Das Ausstellungsprogramm ist schon bis 2014 geplant: Die Galerie wird unter anderem Künstler ausstellen und vertreten, deren Arbeiten im New Yorker Museum of Modern Art (MoMa) oder bei der Documenta zu sehen waren. Geplant sind Ausstellungen mit Miron Zownir, Wolfgang Müller, Alice Creischer und Andreas Siekmann.

Welche Art politischer Kunst die Galerie nicht im Sinn hat, verdeutlicht Radek Krolczyks Haltung zur jüngsten Documenta. Den Großteil der engagierten Kunst in Kassel lehnt Krolczyk als zu platt ab: „Da war soviel Kitsch, es war grauenhaft“, sagt er. Man könne nicht eindeutig gegen den Afghanistan-Krieg Position beziehen, so einfach sei die Lage nicht mehr, betont er.

Was ab heute bis zum 21. Dezember als Auftaktausstellung zu sehen ist, lässt sich nicht nur politisch interpretieren, sondern ist schlicht, sinnlich erfahrbar und ungemein ästhetisch: Die Künstlerin Lena Schmidt ist nachts durch die Brachen der Städte gestreift und hat Pressspanplatten als Fundstücke heimgetragen. Die Künstlerin, die früher in Bremen gelebt hat und heute in Hamburg wohnt, interessiert sich für Freiräume in der Stadt. „Ich wollte die Schönheit dieser Orte einfangen“, sagt die 31-Jährige. Ihr Fundholz hat sie mit Edding und Acrylfarbe bemalt und mit dem Holzschnittmesser bearbeitet. Festgehalten hat sie schemenhafte Erinnerungen an einsame Orte: Leere Lagerhallen, vorbeirauschende Autobahnbrücken und immer wieder Strommasten. „Power Lines“ heißt ihre Ausstellung – gemeint sind Überlandleitungen, die Lena Schmidt als zerbrechliche, weltenumspannende Netzwerke zeigt. Wie der Kontakt zur Galerie entstand? Mit einem der Galeristen hat Lena Schmidt als Bassistin in einer experimentellen Elektro-Band gespielt. Auch dies ist eine Besonderheit der Galerie: Die starke Verbindung zur Musik – Konzerte gehören zum Programm.

Presse

Erinnerungen in kraftvollem Edding-Strich
Adreas Schnell  |  Kreiszeitung, 24. November 2012

Auf eine Weise seien ihre Bilder „Heimatbilder“, meint Lena Schmidt. Material und Motive entstammen ihrer persönlichen Umgebung, auch wenn es nur eine temporäre sein mag. Und wie Bilder von der Heimat ja meist nicht deckungsgleich sind mit ihrem Gegenstand, entwickeln sich die Motive in Lena Schmidts Arbeiten aus und mit der Erinnerung: Die Brandshofhalle in Hamburg, ein verlassenes, von Künstlern genutztes Speditionsgebäude im Hamburger Hafen, ist Namensgeberin für eine Arbeit, in der sich die dortigen Gebäude neu zusammengesetzt vorfinden lassen.

Das Holz, auf dem wir die verlassenen Gebäude sehen, trägt dabei auch materiell Spuren des Ortes, ist Teil davon und zugleich nicht mehr. Was darauf in kraftvollem Edding-Strich zu sehen ist, sind aus der Erinnerung zusammengetragene, neu kombinierte Versatzstücke, in denen sich eine Atmosphäre ausdrückt, die für die Künstlerin den Ort auszeichnet. Weniger konkret an Orte gebunden sind die „Power Lines“, die der Schau den Titel gaben: Überlandstromleitungen an ihren Knotenpunkten, Träger von Energie und Informationen, als Orte noch nicht verlassen wir das Brandshof-Ensemble, aber an einem Übergang zur Vergangenheit, wie Schmidt erläutert. Gerade erst hat der Orkan Sandy in den USA und der Karibik gezeigt, wie fragil diese „Energielinien“ sind, die Städte und Länder miteinander verbinden.

Auch die „Power Lines“ sind mit Marker auf ausgedientes Holz aufgetragen, erst in letzter Zeit arbeitet Schmidt auch mit Acrylfarben. Durch diese Materialität gewinnen die Arbeiten Objektcharakter, auch wenn einige auf den ersten Blick nach klassischen Gemälden aussehen. „Kippmomente“ nennt Lena Schmidt dieses bisweilen gar Vexierbildhafte, dass seine Entsprechung in den Übergängen von strengen Strukturen und klaren Linien ins Diffuse hat, dass beispielsweie die graphische Qualität der „Power Lines“ ausmacht.

Das erscheint nun zunächst kaum zwingend angesiedelt „auf der Schnittstelle zwischen bildender Kunst, Gesellschaftskritik und Popkultur“, wo die neuen Galeristen ihr Programm verorten. Und doch sind durchaus Verbindungen zu entdecken: Der Umgang mit ausgedientem Material der Industriegesellschaft erinnert an Musiker wie die Einstürzenden Neubauten. Und in Schmidts künstlerische Auseinandersetzung mit industriellen Brachen schwingt auch eine gesellschaftliche Ebene mit. Radek Krolczyk ist es ohnehin wichtig, nicht auf das Schlagwort der „linken Galerie“ festgenagelt zu werden. „Wir kommen aus linken Zusammenhängen, und es ist klar, dass wir ein linkes Programm haben, aber die Kunst, die wir zeigen, erschöpft sich nicht darin.“ Es gehe nicht zuletzt um Erkenntnisprozesse, die durch Kunst angestoßen werden.

Wobei zum Konzept von K' gehört, dass auch über die Kunst hinaus gedacht wird. Dafür steht nicht nur die Galerieröffnung ohne Kunst, aber mit Live-Musik. Am 30. November gibt es in der Galerie einen Vortrag über „die Angleichung von Leben und Tod im Brutal Death Metal“ von Patrick Viol, für den Januar ist eine Buchpräsentation geplant, auch Konzerte wird es gelegentlich geben. Und natürlich sollen auch die ausgestellten Künstler Gelegenheit haben, ihre anderen Aktivitäten vorzustellen. Michaela Melián, Wolfgang Müller oder Miron Zownir, die nächstes Jahr im K' zu sehen sein werden, beschränken sich nicht auf Bildende Kunst, machen Musik, Filme, Literatur.

Insofern zieht sich ein sozusagen in zweifacher Hinsicht roter Faden durch das geplante Programm: Es geht um Positionen, die sich aus einem Geist der Selbstermächtigung speisen, wie er im Punk programmatisch war: Wolfgang Müller trat 1981 mit seiner Band Die Tödliche Doris bei dem legendären Festival Genialer Dilletanten in Berlin auf, Michaela Melián spielt seit deren Gründung in der Band F.S.K., die in etwa zur gleichen Zeit in einem Punk-Umfeld entstanden, Miron Zownir dokumentierte Ende der siebziger Jahre in Berlin und London die Anfänge der Punk-Bewegung.

Und auch, wenn die heutigen Arbeiten der genannten Künstler mit Punk im landläufigen Sinne so gut wie nichts zu tun haben, ist der subversive Drive mitsamt seinen gegenkulturellen Wurzeln unverkennbar. Nicht notwendig links, aber stets von einer Grundskepsis durchzogen.

Abstrakte Heimatbilder
Andreas Schnell  |  die tageszeitung, 28. November 2012

Sind das nun Gemälde oder Objekte? Oft zeichnet Lena Schmidt auf großen, viereckigen Spanholzplatten. Aber wenn man genau hinschaut, haben sie Struktur, und die Übergänge zu den auf Podesten postierten Holzklötzen sind fließend. Und Objekte sind es eben dann doch allesamt: zurückgelassen, gefunden, bearbeitet.

In ihnen lebt ein Stück Industriegeschichte - und auf ihnen der künstlerische Blick darauf. Lena Schmidt lässt sich von den Brachen dieser Welt, von Abbruchmomenten inspirieren. Das sind zum einen die verlassenen Lagerhallen und Fabriken, zum Beispiel aus dem Hamburger Hafen, zum anderen die "Power Lines", die der Ausstellung ihren Namen gaben: Hochspannungsleitungen also, durch die Energie und Informationen fließen. Und die höchst fragil sind. Schmidt zeichnet diese "Power Lines" mit Markerstiften in kraftvollem Strich. Ihre Spannung gewinnen sie aus den Übergängen von strengen Strukturen und klaren Linien ins Diffuse, aber auch aus der surrealen Kombination von Dunkelheit und Licht.

Als "Heimatbilder" hat die Künstlerin leicht ironisch ihre Arbeiten im Interview bezeichnet. Das hat durchaus was für sich. Heimatbilder erzählen ja auch immer von etwas Vergangenem, sind nicht deckungsgleich mit ihrem Gegenstand. Und Trauer über Verlorenes schwingt in den Objekten immer mit.