Miron Zownir

Miron Zownir (geb. 1953, Karlsruhe, BRD) arbeitet seit den 80er Jahren als Autor, Filmemacher und Fotograf. Seine ersten Fotoserien entstanden auf den Straßen und im Umfeld der Subkulturen in Westberlin, London und New York. Charakteristisch für Zownirs Straßenfotografien sind sein radikaler und konfrontativer Blick, sowie das Interesse an der genauen Ausleuchtung prekäerer Milieus. Niemand hat so ausführlich wie Zownir den Transvestitenstrich der New Yorker Sexpiers der frühen 80er Jahre dokumentiert. An den Sexpiers wurde für eine kurze Zeit Begehren und Elend einer sexuellen Minderheit sichtbar. Seit Mitte der 90er Jahre beschäftigt Zownir sich mit der miserablen Situation in den ehemaligen realsozialistischen Ländern Osteuropas. 1995 verbarchte er im Auftrag des ZOO Magazines in Moskau, wo er sich mit der neuen Obdachlosigkeit und dem Sterben auf den Straßen und in U-Bahnhöfen konfrontiert sah. Er bereiste von 2012 bis 2014 als Stipendiat der Robert Bosch Stiftung die vom Bürgerkrieg und der russischen Okkupation zerrüttete Ukraine. Hier, wie auch auf seinen Reisen durch Rumänien portraitierte er in Camps lebende Romafamilien. 2015 besuchte er das Flüchtlingslager in Calais, seine Fotografien verändern sich, werden distanzierter und vorsichtiger. Die Hamburger Deichtorhallen ehrten ihn 2016 mit einer Einzelausstellung. Zuletzt erschien von ihm der Fotoband Romanian Raw. Miron Zownir lebt und arbeitet in Berlin.

 

 

Arbeiten

Romania Raw
Ukrainian Night
New York City Rest In Peace
Down and out in Moscow
Berlin Noire
London seven eight

Von 2012 bis 2014 bereiste Miron Zownir gemeinsam mit der Autorin Kateryna Mishchenko die Ukraine. Rund um die Proteste des Maidan besuchten sie mehrere Städte und ländliche Regionen. Durch den engen Kontakt zu lokalen AktivistInnen vor Ort konnten Einblicke in die oftmals abgrundhafte Lebenswirklichkeit der Bevölkerung, wie zum Beispiel von drogenabhängigen, in Ruinen hausenden Jugendlichen in Odessa gewonnen werden. Zownir fotografierte Tuberkulosekranke, HIV-Positive, Waisenkinder und Bewohner verschiedener Roma-Lager.
Es entstanden beindruckende Fotografien, in denen die Vorzeichen der Revolution bereits spürbar sind und die als Aufforderung zur gesellschaftlichen Reflexion der mittlerweile allgegenwärtigen landesweiten Krise zu verstehen sind. Bilder, die in der Ukraine als auch im Ausland medial unsichtbar gebliebene Randgebiete der ukrainischen Gesellschaft zeigen. 2014 reiste Zownir nochmals nach Kiev und dokumentierte das Chaos auf dem Majdan, wo er Verwüstung, große Ratlosigkeit und Trauer um die Menschen, die dort ihr Leben ließen, vorfand.

Der Moment der Proteste des Maidan markierte einen Wendepunkt in der ukrainischen Geschichte, die Menschen nahmen ihr Schicksal selbst in die Hand. Zownirs Bilder zeigen diese - hoffnungsvolle, wie auch gefährliche - Instabilität. Der weitere Prozess der Demokratisierung ist durch den russischen Angriffskrieg unterbrochen. Aus diesem Grunde ist Zownirs Arbeit gerade jetzt wichtig, als inzwischen selbst historisch gewordene Bilder dieser Selbstermächtigung, deren weiterer Erfolg ungewiss geworden ist.

Seit 1995 bereist Miron Zownir  die Länder des ehemaligen Ostblocks, darunter Russland, Polen, Bulgarien und die Ukraine. Ihn interessiert die Verwahrlosung und Hoffnungslosigkeit nach dem Ende des real existierenden Sozialismus. Seine Bilder erzählen die Geschichten verarmter Menschen, die an den Rändern der Metropolen in entlegenen U-Bahn-Stationen hausen und an Kälte, Alkoholismus, Gewalt und  Armut leiden. Gelegentlich stößt er auf Leichen, für die sich niemand interessiert, bis die Polizei auf den Fotografen, den sie interessieren, aufmerksam wird. Die Menschen, die er portraitiert, gleichen offenen Wunden. Sie sind in vielfacher Weise beschädigt und werden nicht mehr ganz. Sie gleichen einer Kastrationsdrohung. Man möchte sie nicht ansehen, schließlich könnte man werden wie sie.  

 

Radek Krolczyk

Wunden

In: Offene Wunden, 2013, Galerie K' und Mox und Maritz, Bremen 

Luis Buñuel stellt in seinem Film „Ein andalusischer Hund“ (1929) die Unversehrtheit des menschlichen Körpers zur Disposition: Es gibt dort eine Szene, in der ein junger Mann voller Entsetzen seine offene Hand anstiert. Eine Nahaufnahme zeigt, wie Ameisen aus dem Fleisch herauskrabbeln. Seine Handfläche weist ein kleines Loch auf, aus dem die Insekten ans Licht kommen und durch das sie wieder verschwinden. Es scheint, als hätten sie ihr Nest im Inneren seines Körpers. Kurz darauf sieht man auf der Straße eine abgetrennte Hand herum liegen. Eine Menschentraube hat sich um sie herum gebildet, manche der Passanten vergewissern sich tastend, ob ihre Hände noch da sind. Sie sind es noch. Mit den Passanten teilt der Zuschauer des Films seine Angst um die eigene Vollständigkeit. Dass diese Vorstellung der „Vollständigkeit“ zunächst nur eine Fantasie beschreibt, ist so wahr, wie die Angst selbst, die dieser Fantasie entspringt. Die Kastrationsdrohung wirkt: Die erst zerfressene, dann abgetrennte Hand da auf der Straße gefällt mir nicht. Ich möchte es den Passanten auf dem Bildschirm gleich tun und prüfen, ob ich noch beide Hände habe. Die Bilderwelt des Klassikers des filmischen Surrealismus ist rein symbolischer Natur. Wie in der Kirche werden Bilder als Stellvertreter für vielerlei Eigenschaften bemüht. 

Sind die Osteuropa-Fotografien von Miron Zownir symbolisch? Wohl kaum. Dafür ist der Anteil an Wirklichkeit in ihnen zu groß. Das Leid auf Zownirs Bildern wird nicht stellvertretend erlitten. Leid und Tod folgen keinem höheren Sinn. Das erschreckende ist ihre absolute Sinnlosigkeit. Und dennoch sind die Fantasien und Ängste, die hier evoziert werden, ähnlich denen des Symbolspektakels des „andalusischen Hundes“. Mitleid ist eine Projektionsleistung. Mitleiden können wir nur, indem wir uns im Gegenüber erkennen können. Das ausgeschlagene Auge der alten Frau in Moskau betrifft aus Furcht, ein Auge zu verlieren.

Bei Zownir sehen wir Menschen mit allerlei Gebrechen, mit Wucherungen, blutenden Wunden und amputierten Gliedmaßen. Sie bevölkern eine Art Zwischenwelt, eine Welt zwischen Leben und Tod. Die Menschen, die Zownir zeigt, sind in vielerlei Hinsicht beschädigt. Ihre Schäden haben sie im Laufe ihres Lebens erlitten. Sie sind das Ergebnis eines schlechten Lebens, eines Lebens unterhalb der Möglichkeiten des Standes der Produktivmittel. Durch Armut, Obdachlosigkeit, Gewalt, soziale Kälte, Alkoholismus und körperliche Versehrtheit werden sie zugrunde gerichtet. 

Sie leben und sterben, wie es heute niemand müsste. Sie leben und sterben, als gäbe es die gigantische Warenansammlung, von der Karl Marx schreibt, nicht. Sie leben und sterben, als gäbe es keine Wohnungen, Krankenhäuser, Prothesen, Kleidung und Nahrungsmittel. Ihr Leid ist nicht nur ohne Sinn, es entbehrt ihm so jedwede Notwendigkeit.

Viele seiner Protagonisten hat Miron Zownir in U-Bahnhöfen erwischt. Dort hausen sie, im Stich, aber auch in Ruhe gelassen. Hin und wieder stößt Miron Zownir dort auf Leichen, einige besucht er regelmäßig über wenige Tage hinweg. Außer dem Fotografen gibt es niemanden, der sich für die toten Körper zuständig fühlt. Sobald die Sicherheitskräfte den Fotografen bemerken, beginnen sie sich für ihn zuständig zu fühlen. Sind die Eingänge der U-Bahnhöfe die offenen Wunden von Moskau und St. Petersburg? 

Anstelle von Symbolik hat man es hier mit etwas zu tun, das mit Dietmar Dath Drastik zu nennen wäre. Die Bilder sind Ergebnis kurzer und heftiger Auseinandersetzungen zwischen Menschen, dem Fotografen und den Fotografierten. Die Fotografierten stoßen dem Fotografen zu, aber auch der Fotograf wiederfährt den Fotografierten. Er sieht sie, während sie sehen, dass er sie sieht. Dann merken sie, dass es der Fotograf ist, der sie als letzter lebend sieht. Ihre Augen sind leer, aber sie sind auf ihn gerichtet. Einige seiner flüchtigen Straßenbekanntschaften bringen sich für ihn in Pose, einige zeigen ihm etwas. Diese Spannungen, die zwischen dem Fotografen und den Portraitierten bei ihrem flüchtigen Zusammentreffen entstehen, sind den Fotografien anzusehen. Der Fotograf ist kein stiller Beobachter, kein neutraler Dokumentarist und nur selten ein heimlicher Voyeur. Er beansprucht seinen Platz in nahezu jedem seiner Sujets und ist in jedem Bild spürbar anwesend.

Miron Zownirs Fotografien wirken verstörend. Ganz gleich, ob es sich dabei um Portraits von Prostituierten aufden Sex-Piers im New York der frühen 80er oder alkoholkranken Obdachlosen in Kiew von heute handelt - erschreckend wirkt die Distanzlosigkeit, mit der der Fotograf seinen Modellen gegenüber tritt; erschreckend wirkt die Distanzlosigkeit, mit der dann schließlich das Modell dem Bildebetrachter begegnet, man könnte fast sagen: zustößt. Ich betrachte den bettelnden Buckeligen an der Moskauer U-Bahn-Haltestelle nicht gerne. Es ist wie mit der abgetrennten Hand: Das Bild stellt eine Drohun darg. Und Mitleid? Mitleid funktioniert nicht ohne Sorge um die eigene Unversehrtheit.

 

Miron Zownirs London ist seltsam und dunkel, aber keinesfalls bösartig. 1978 und 80 scheinen seine Menschen noch Zeit und Raum zu haben, jenseits des Primats der Lohnarbeit. Es ist bevölkert von behäbigen alten Leuten, Berbern, allerlei Auswanderern und Punks. Die Stadt hat noch ausreichend Platz für sie alle. Der Raum, den Zownir in seinen Bildern eingefangen hat, ist großzügig und weit. Die Personen, die dem jungen Fotografen zustoßen, scheinen so ganz auf ihren Liegewiesen und Friedhofsbänken, in Hinterhöfen und Cafés aufgehoben zu sein. Die aufkommende Finsternis in diesen Weiten scheint so, als befänden wir uns auf der Schwelle zu Thatchers neoliberalem Großbrittanien.

Diese 51 schwarzweißen Fotografien gehören zum frühesten Werk dieses Fotografen, der in späteren Jahrzehnten für seine ausgeprägte Empfindsamkeit gegenüber den Menschen, die an den Rändern der Gesellschaften in Berlin, New York, Moskau, Kiew und Bukarest leben, noch berühmt werden sollte. Die Geschichte wird stets von den Gewinnern geschrieben und es sind ihre Porträts, die sie als Reklame für ihre Welt mit sich führen. Zownir stößt seinen Figuren mit seiner Kamera zu, aber er ist es auch, der ihr Abbild errettet.

CV

Ausstellungen

2022
Ukrainian Night, Weserburg - Museum für moderne Kunst, Bremen
Ukrainian Night, Kunstmuseum Gelsenkirchen
Berlin/New York, Turm zur Katz, Konstanz

2021
london seven eight, Galerie K', Bremen
Zeitwirdknapp. Retrospektive 1977–2019, Centro Internazionale di Fotografia, Palermo, Italien
Romania Raw, Goethe-Institut Bukarest, Rumänien
Romania Raw, Galerie Boderline Art Space, Rumänien

2020
Romania Raw, Muzeul de Arta Cluj-Napoca, Rumänien
Wolfgang Schulz und die Fotoszene um 1980, Museum für Fotografie, Berlin
Berlin, 1945–2000: A Photographic Subject, Reinbeckhallen, Berlin

2019
Urban Landscapes, Galerie Bene Taschen, Köln
Romania Raw, Galerie pavlov’s dog, Berlin
Wolfgang Schulz und die Fotoszene um 1980, Museum für Kunst und Gewerbe, Hamburg

2018
EUROPEAN MONTH OF PHOTOGRAPHY, Brotfabrik Galerie, Berlin

2017
ART PHOTO BUDAPEST, Galerie Koppelmann, Budapest, Ungarn
Tales From The Other Side, Interzone Galleria, Rom, Italien
ART BERLIN, Galerie Bene Taschen, Berlin
Galerie Bene Taschen, Köln

2016
Hof 5, Zurich, Schweiz
Ken Schles, Jefrey Silverthorne, Miron Zownir, Deichtorhallen, Hamburg
Hardhitta Gallery, Köln
Ukranian Night, Kunstwerk Nippes, Köln
International Elias Canetti Society, Ruse, Bulgarien

2015
Ukranian Night, Galerie K', Bremen
Ukranian Night, Visual Culture Research Center, Kiev, Ukraine
Urban Maze, Georgian National Museum of Fine Arts, Tiflis, Georgien

2014
Photography from 1978 - 2013, Hardhitta Gallery, Köln

2013
Your Daily Darkness, Neurotitan, Berlin
Miron Zownir Fotografie 1978 - 2011, Reception, Frankfurt am Main
Offene Wunden - Bilder aus dem freien Osteuropa, Galerie K', Bremen

2012
barefaced, Kunstwerk Nippes, Köln
Okraina, Visual Culture Research Center, Kiev, Ukraine
Twilight Zone, Galerie Emmanuel Post, Berlin

2011
Visual Culture Research Center, Kiev, Ukraine
Radical Eye, Fotogalleriet [format], Malmö, Schweden
The Valley Of The Shadow, MOPIA, Zürich, Schweiz
The Valley Of The Shadow, Galerie Emmanuel Post, Leipzig

2010
Slick Art Fair, Jas Gallery, Paris, Frankreich
Goethe Institut / Red House, Sofia, Bulgarien
Are You Coming Too?, Knoth & Krüger, Berlin

2009
Darkside II – Fotografische Macht und fotografierte Gewalt, Krankheit und Tod, Fotomuseum Winterthur, Schweiz
Bongout Gallery, Berlin

2008
Darkside I – Fotografische Begierde und fotografierte Sexualität, Fotomuseum Winterthur, Schweiz
Miron Zownir, MOPIA, Zürich, Schweiz
Fotografie mit Tiefenwirkung, Mousonturm, Frankfurt am Main
Radical Eye, Galerie Emmanuel Post, Leipzig
Stark - Berlin Fashion Week, Umspannwerk Humboldt, Berlin

2007
Radical Eye, The Horse Hospital, London, England

2005
Galerie Knoth & Krüger, Berlin

2004
Galerie Reimann Le Bègue, Düsseldorf

2002
Galerie Loyal, Kassel
Kulturverein Kinski, Berlin

1999
Büro für Fotos, Köln

1998
Juliettes Literatursalon, Berlin
Künstlerhaus, Dortmund
TV- Gallery, Moskau, Russland
Kunstamt Mitte, Berlin

1997
Studio Bildende Kunst, Berlin
VKK, Hannover

1996
Tresor, Berlin

1994
Erotik Art Museum, Hamburg
Endart Galerie, Berlin

1993
Studio Bildende Kunst, Berlin
VKK, Hannover

1991
Villa, Ochtrup

1988
Gotham Fine Arts, New York, USA
März- Ausstellungen, Köln

1985
Grauwert Galerie, Hamburg

1983
Galerie Apex, Göttingen

1983
CNA Gallery, San Francisco, USA

1983
Ambush Gallery, San Francisco, USA

1982
Neikrug Gallery, New York, USA
Danceteria, New York, USA

1981
Galerie Nagel, Westberlin

Fotobücher

Apotheosis and Derision | 2021 | Pogo Books, Berlin
Romania Raw | 2020 | Pogo Books, Berlin
Berlin Noir | 2016 | Pogo Books, Berlin
Ukrainian Night | 2015 | Spector Books, Leipzig
NYC RIP | 2015 | Pogo Books, Berlin
Down and out in Moscow | 2014 | Pogo Books, Berlin
Offene Wunden - Bilder aus dem freien Osteuropa | 2013 | mox & maritz, Bremen
The Valley of the Shadow | 2010 | Die Gestalten Verlag, Berlin
radical eye | 1997 | Die Gestalten Verlag, Berlin 
Miron Zownir Fotografien | 1991 | Erotic Art Museum Hamburg
Poet der radikalen Fotografie | 1988 | Apex-Verlag, Köln
Viele Grüße aus New York | 1983 | Fotografie, Göttingen

Belletristik

Sorry, Lana | 2022 | Golden Press, Bremen
Pommerenke (mit Nico Anfuso) | 2017 | Cultur Books, Berlin & Hamburg
Umnachtung | 2014 | mox & maritz Verlag, Bremen
Parasiten der Ohnmacht (gelesen von Birol Ünel | 2011 | Deutsche Grammophon
Parasiten der Ohnmacht | 2009 | mox & maritz Verlag, Bremen
Kein schlichter Abgang | 2003 | MirandA Verlag, Bremen

Filme (Auswahl)

Back to nothing | 2015 | BRD | HD | 98 min
Absturz | 2012 | BRD | HD | 19 min
Phantomanie | 2010 | BRD | HD | 85 min 
Bruno S. - Die Fremde ist der Tod | 2003 | BRD | Beta | 60 min 
Now or never | 1996 | BRD  | 35mm | 14 min 
Dead End | 1992 | USA  | 16 mm | 24 min