Die Tödliche Doris

Losspielen

Musikkassette
Limitierte Edition von 100 Kopien
Gestempelt von Wolfgang Müller

Proben im SchwuZ für den ersten Auftritt im Kuckuck, Westberlin, November 1980

Gemastert von Sven Mühlender im Not Not Fun Studio, Berlin

Erschienen am 15.03.2013 anlässlich Wolfgang Müllers Ausstellung Plasmabrocken - Die Kunst der Zukunft im K' bei Mauerstadtmusik und K'

MM011  |  K'01

Tracklist
A1 Wir spielen uns in die Herzen des Publikums und tanzen in den Frühling
A2 Der Astronaut und der Kosmos (Erstfassung)
A3 Warm Leatherette
B1 Losspielen

Vergriffen!

Info

Neues aus der Wiederveröffentlichungshölle
Frank Apunkt Schneider  |  testcard #23

(...) Nach all dem anderen Zeugs, das von ihnen in den letzten Jahren zur Wieder- bzw. Erstvorlage gegeben wurde, bringt "Losspielen" (Mauerstadtmusik/K'/Tape) – eine gemeinsame Anstrengung von Mauerstadtmusik und der Bremer Galerie K' stilecht im Audiokassettenformat – nun – endlich! – die Proben für den ersten Auftritt im November 1980. Und das hat uns natürlich gerade noch gefehlt! Wer sich trotzdem ernsthaft darauf einlässt, wird mit einer um sich tastenden, noch von der eigenen psychedelischen Vergangenheit (die durchs Schlüsselloch des Kaumspielenkönnens gequetscht wird) benommenen Protomusik belohnt, in der „Happy Birthday“-Flusen, ungeschlachter Eintonbass und beiläufiges Drumboxrappeln aneinander vorbei treiben, aber eben manchmal auch ganz überraschend zueinander finden.

Das Band ist entweder kaputt, wurde nachträglich verfremdet oder wir wohnen tatsächlich der Erfindung des Tape-Scratchens bei. Und nach dem ich das jetzt mehrfach durchrumpeln habe lassen, fällt mir auf (oder bilde ich mir ein), dass all dem Wiederholungszwang und Stillstand, dem lieblosen Arrangement und der von der Leine gelassenen Willkür ein verkanteter, schwer fassbarer Wille zur Form innewohnt, eine Konzentration, die der banalen Selbstverwirklichung durch Dilettantismus (für die der „Wir nehmen auf“-Enthusiasmus des NDW-Kassettenuntergrunds zu Recht gefürchtet war) noch einmal von der Schippe gleitet. Immerhin trägt das ausgedehnte Eröffnungsstück den Titel „Wir spielen uns in die Herzen des Publikums und tanzen in den Frühling“. Das wird als Textzeile sehr gewissenhaft und beinahe protestantisch wiederholt; gründlich genug um den Schlager als Folie erscheinen zu lassen, ohne die diese Musik nicht zu verstehen ist. Schließlich war er die einzige deutsche Poptradition, zu der sich der BRD-Untergrund damals irgendwie verhalten konnte.

Was dann beim Konzert auch immer geschehen sein mag, es hat ganz sicher nicht im Herzen von wem auch immer stattgefunden und getanzt wurde darauf vermutlich nicht einmal in den Untergang. "Losspielen" bleibt Trümmerlandschaft, musikalischer Nachkrieg, ein mühsam zusammengeschustertes Provisorium, ein Platzhalter. Die im Prinzip sehr sachliche Kaputtheit, die weder weinerlich gestimmt, noch endzeitstimmungshalber aufgekratzt daherkommt, wirkt auf merkwürdige Weise fast beamtenmäßig: eine ästhetische Verwaltungstatsache. Das Kollektiv, von dem sie im Eröffnungsstück mit kalkuliertem Realitätsverlust träumt, darf sie nämlich nicht stiften, wofür die programmatische Unbeschwingtheit der Doris-Musik ja auch Sorge trägt. Vier waschechte Exorzismushits also, die dennoch die Frage aufwerfen, wie der Veröffentlichungswahnsinn der letzten Jahre zum Konzept der Tödlichen Doris passt, wie Wolfgang Müller es zuletzt in "Subkultur Berlin" erklärt hat … Wie dem auch sei, ein weiteres Platten-Multiple mit Stempel, handschriftlicher Nummerierung und entsprechendem High-End-Preis ist bereits angekündigt. Der Kunstmarkt (und sein Bedürfnis nach Sammelbarem) ist schließlich ein der letzten Möglichkeiten, gewinnbringend (wenn auch nur aufmerksamkeitsökonomisch) zu veröffentlichen… (...)

Presse

E-Mail an K'
Wolfgang Müller  |  14.07.2013

Lieber Radek, lieber Eric,

Frank Schneider beschreibt Musik ja immer sehr schön, anschaulich und ausführlich. So auch das "Probetape" der Tödlichen Doris - für dass er sich viel Mühe gibt, was ich gar nicht ironisch meine. Aber in diesem Fall gibt er sich möglicherweise zu viel Mühe. Es dokumentiert tatsächlich NUR die erste grauenvolle Probe.

Dieses limitierte und signierte, in Spezialbox, das Multiple usw. usw. - klar, das scheint ihm wie eine Masche vorzukommen, ist es sicher auch, weil das Interesse an solchen Produkten ja da ist. War das aber nicht immer so? Wenn es in den 1970-er Jahren nicht plötzlich eine starke Nachfrage nach Druckgrafik und Radierungen in limitierter Auflage gegeben hätte - dann wären viele schöne Drucke von Dieter Roth eben nie erschienen. Sie würden nicht existieren. Das würde mich heute ärgern. (Obwohl andererseits auch nicht - man kann sich ja nicht über etwas ärgern, was gar nicht existiert.)

Vielleicht verkennt der Rezensent ein bisschen die in den 1980-er Jahren doch sehr eingeschränkten Möglichkeiten der Publikation für Künstler aus dem Klang-, Musik, Performancebereich - und die erst seit 2000 immens gewachsenen Möglichkeiten.

Was mir beispielsweise selbst nicht so gefällt, sind endlose Editionen von Live Konzerten, wie es Throbbing Gristle oder eher einzeln auch Einstürzende Neubauten veröffentlichen. Die Konzerte der Tödlichen Doris habe ich zwar auch alle auf Band, aber sie erscheinen sicher nicht als Edition in einer Box mit 15 LPS. Da würde mir Musik zu sehr zum Fetisch. Was Frank Schneider etwas übersieht, ist, dass alle nach 1988 erschienen Doris-Publikationen immer Dokumente sehr spezieller, abgeschlossener Konzepte sind, keine "Best of" oder reine Konzertdokumente.

Aber natürlich neigt sich der Vorrat des unveröffentlichten Materials aus den 1980-er Jahren jetzt auch dem Ende entgegen. Ich denke, da wird jetzt nach der Vinyl-Maxi STOPP nichts Neues mehr erscheinen. Vielleicht wünscht er sich das ja (dass nix mehr erscheint) - da hat er Recht und dieser Wunsch erfüllt sich wohl.

Viele Grüße aus Reykjavík, 12 Grad Nieselregen

Wolfgang