Arne Schmitt

(geb. 1984, Mayen, BRD) beschäftigt sich in seinen fotografischen Arbeiten mit Architektur und Städtebau. Im Zentrum seiner Betrachtung stehen ihre geschichtlichen und gesellschaftlichen Verwicklungen. Schmitt seziert zufällig oder gezielt aufgesuchte urbane Räume genauso wie historisches Material. Dabei arbeitet er meist ortsspezifisch, so etwa in Winterthur, wo er die symbolische Ökonomie des ehemals industriellen, jetzt kreativ-durchmischten Sulzer Areals behandelt. In seinem 2015 erschienen Buch "Die neue Ungleichheit" durchsucht er bei einem Spaziergang das heutige Köln nach Momenten eines neoliberalen Umbaus. In Schmitts höchst präziser Fotografie kristallisiert sich das Politische in den Bauten und ihren Zwischenräumen.

Zu Schmitts wichtigsten Veröffentlichungen gehört das vieldiskutierte Buch "Wenn Gesinnung Form wird" (2012), eine fotografische Essaysammlung zur bundesdeutschen Nachkriegsarchitektur. Das Sprengel Museum Hannover widmete ihm hierzu im selben Jahr eine Ausstellung. Zuletzt erschien "Die neue Ungleichheit. Ein Bildband entlang neoliberaler Architekturen". Seine Arbeiten wurden 2013 mit dem Wüstenrot-Preis ausgezeichnet, einem der wichtigsten Preise für Dokumentarfotografie. Er gehört zu den diesjährigen Karl Schmidt-Rottluff-Stipendiaten. Arne Schmitt lebt und arbeitet in Köln.

Ausstellungen
Die autogerechte Stadt. Ein Weg aus dem Begriffs-Chaos
Zwei Arbeiten

Editionen
Konturen
Wenn Gesinnung Form wird

Links
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Info

Manche Dinge ändern sich nie
2010  |  26 x 39 cm
SW-Laserdruck, HC
© Arne Schmitt / VG Bild-Kunst, Bonn 2013

Galerie

Eine Kurve macht noch keine Moderne
Moritz Scheper  |  der Freitag, 10.01.2013

Viel Mut beweist das Sprengel Museum mit der Ausstellung "Wenn Gesinnung Form wird". Nicht nur, dass mit Arne Schmitt (Jahrgang '84) ein junger, unbekannter Künstler alleine die Fotogalerie bespielen darf: Die Arbeiten entstammen zudem seiner "Essaysammlung zur Nachkriegsarchitektur der BRD". Nun liegt einem Fotoessay meist eine festgelegte Bilderanordnung als Argumentationskette zugrunde. Wird diese gesprengt, verfälscht das leicht die Aussage. Nicht so hier. Anhand einer Auswahl von 14 Fotografien wird ein Aspekt erfolgreich herausgearbeitet: die personellen Kontinuitäten in der deutschen Architektenelite nach dem Ende des NS-Regimes.

Hanns Dustmann etwa war "Reichsarchitekt der Hitlerjugend" und Teil des "Arbeitsstabs zum Wiederaufbau bombenzerstörter Städte" unter der Leitung Albert Speers. Friedrich Tamms arbeitete zudem für die berüchtigte NS-Bautruppe "Organisation Todt". Helmut Hentrich stand gar auf Hitlers "Gottbegnadetenliste". Alle drei schufen auf tausend Jahre angelegte Reichskanzleimonumentalität. Alle drei avancierten nach dem Ende des Nationalsozialismus zu Koryphäen des bundesrepublikanischen Wiederaufbaus. Sie schufen nun offene, am Demokratiemodell der Polis orientierte Städte, die dem demokratischen Deutschland den passenden Anstrich geben sollten.

Eher Archäologe als Ästhet nähert sich Schmitt behutsam den Bauwerken dieser Wendehälse. Nichts wird überhöht, ebenso wenig werden die Intentionen dieses "neuen Bauens" abgeschwächt. Die kontrastreichen Schwarz-Weiß-Aufnahmen verschleiern den welken Zustand der Bauten und ermöglichen einen unverstellten Zugang zu den architektonischen Ideen, wie sie sich in den Baujahren präsentiert haben mögen. 

Hentrichs Düsseldorfer "Drahthaus" und Tamms’ Brückenbau "Tausendfüßler" atmen Formwille und Leichtigkeit. Inwiefern hier jedoch Gesinnung Form geworden ist, fragten sich bereits die Zeitgenossen. Beide Bauwerke waren Teil des "Neuordnungsplans", den Tamms 1949 als Leiter des Düsseldorfer Stadtplanungsamtes vorlegte. Dieser Plan war in weiten Teilen mit dem von der NS-Behörde "Arbeitsstab für den Wiederaufbau bombenzerstörter Städte" entwickelten Konzept für die Gauhauptstadt Düsseldorf identisch. In Opposition zum "Achsen-Fetischismus" des obersten Stadtplaners gründete sich 1949 der "Architektenring Düsseldorf".

Dieser „Düsseldorfer Architektenstreit“ ist Hintergrundmusik zu den im Sprengel gezeigten Arbeiten, die Hitlers Helfer vom Bau in einer Phase zeigen, in der sie leichte Materialen, Kurven und Geländefreiflächen schon kannten, sich von ihrer Doxa aus Stein und scharfen Achsen aber noch nicht lösen konnten. Dass die oft bemühte Dichotomie von Stein vs. Glas verkürzt ist, zeigen Schmitts Aufnahmen jedoch auch: Paul Schneider-Eslebens Hanielgarage von '52 gilt ob ihrer großzügigen Glasfassaden als Fortschreibung der klassischen Moderne deutscher Couleur. Sieht man jedoch daneben Hentrichs Drahthaus und zieht dessen nicht in der Ausstellung vertretenes Kopfhaus aus den Dreißigern hinzu, lässt sich noch in der NS-Zeit ein Schwenk zu mehr Glas und freien Trägerelementen ausmachen. All dieses Rauschen in nicht einmal zwanzig stillen Aufnahmen verdichtet zu haben, ist das große Verdienst von Arne Schmitt.

Texte

Einzelausstellungen

2017

In neuer Pracht, Jacky Strenz, Frankfurt a.M.

2016

Zwei Arbeiten, Galerie K', Bremen
Inseln der Differenz, Kjubh Kunstverein, Ebertplatz Köln

2015

Einer unter Vielen, Jacky Strenz, Frankfurt a.M.

2014

Die autogerechte Stadt. Ein Weg aus dem Begriffs-Chaos, Galerie K', Bremen

2013

Bunker-Erfahrung, kjubh, Köln

2012

Wenn Gesinnung Form wird / Verflechtungen, Sprengel Museum, Hannover
Spot-Specific, mit Stef Renard, Galerie 52, Folkwang UdK, Essen
UN City, Wien, AT

2010

Projektraum Mikro, Düsseldorf

2009

It was the Streets that raised me, Streets that paid me, Streets that made me a Product of my Environment, mit Andrzej Steinbach, HGB Leipzig

2008

Vierten Grades, mit Daniel Niggemann, Fotofolgen / Galerie der HfbK Hamburg

 

 

Ausstellungsbeteiligungen (Auswahl)

2016

Von den Strömen der Stadt, Museum Abteiberg, Mönchengladbach
In Deutschland reloaded (II), Galerie Kicken, Berlin

2015

Dokumentarfotografie Förderpreise der Wüstenrot Stiftung, Sanaa Gebäude, Essen

2014

Die Ausstellung, KIT - Kunst im Tunnel, Düsseldorf
Köln um halb acht, Temporary Gallery, Köln
Vor Ort. Kunstprojekt Sennestadt, Öffentlicher Raum von Bielefeld Sennestadt

2013

Concrete. Fotografie und Architektur, Fotomuseum Winterthur, CH
Max-Pechstein-Förderpreis, Kunstsammlungen Zwickau

2012

Hotel Charleroi, Palais des Expositions, Charleroi, B
F-Stop: The History of Now. 5. Leipziger Fotofestival, Baumwollspinnerei, Leipzig
State of the Art. New Contemporary Photography, NRW-Forum, Düsseldorf

2011

Method.Photography.Transfer. Port Gallery T, Osaka, JP
Cityscapes, Aichi Prefectural Museum of Art, Nagoya, JP
Kunststudentinnen und Kunststudenten stellen aus, Kunst- und Ausstellungshalle, Bonn
Leipzig. Fotografie seit 1839, Museum der bildenden Künste, Leipzig

2010

Aenne Biermann Preis, Museum für angewandte Kunst, Gera

2009

Kunstpreis junger westen, Kunsthalle Recklinghausen
Reunited, Maxim Gorki Theater Berlin und NATO Leipzig
Future Together Now, Konfuzius-Institut, Leipzig
This film is about nothing, Kunstraum Ve.Sch, Wien, AT
Gesellschaft als Autor, HGB Leipzig

CV

Künstlerbücher

2011

Rebuild to Destroy, 18,5x27cm, SW-Laserdruck,SC, Auflage: 30

2010

Manche Dinge ändern sich nie, 26x39cm, SW-Laserdruck, HC, Auflage: 10
Nationalgalerie, 14x13cm, SW-Laserdruck, Heft, Auflage: 50
o.T.(Zeitgenössische Deutsche Fotografie), 17,3x23cm, SW- und Farblaserdruck, Heft mit Poster im Schuber, Auflage: 20

2009

o.T. (Zeitgenössische Deutsche Fotografie), 17,3x23cm, SW- und Farblaserdruck, Heft mit Poster im Schuber, Auflage: 20
Pankow, 35x24cm, SW-Laserdruck, HC, Auflage: 15
Das höchste Gebot, 18x24cm, Farblaserdruck, Heft, Auflage: 15

2008

Resort, 12x16cm, SW-Laserdruck, Heft, Auflage: 25
Die Herren, 16x24cm, Farblaserdruck, HC, Auflage: 8
Geräusch einer fernen Brandung, 18,5x25cm, Farblaserdruck, HC, Auflage: 5

2007

2006™, 25x19cm, Ringbuch aus C-Prints, Auflage: 3

 

Bücher

2015

Die neue Ungleichheit. Ein Bildband entlang neoliberaler Architekturen (mit Thorsten Krämer), Spector Books, Leipzig

2014

Geräusch einer fernen Brandung, Spector Books, Leipzig

2012

Wenn Gesinnung Form wird. Eine Essaysammlung zur Nachkriegsarchitektur der BRD, Spector Books, Leipzig
Concrete Philosophy. On the specifics of a universal exhibition, Eigenverlag
It was the streets that raised me, streets that paid me, streets that made me a product of my environment, mit Andrzej Steinbach, Spector Books, Leipzig

2009

FUTURE TOGETHER NOW, Buchprojekt von Enrico Grunert, Aglaia Konrad, Ina Kwon, Tobias Neumann, Willem Oorebeek, Arne Schmitt, Andrzej Steinbach u.a., Institut für Buchkunst Leipzig

 

Sammlungen (Auswahl)

Fotomuseum Winterthur (CH)
Kunstsammlungen Zwickau
Museum Ludwig, Köln
Niedersächsische Sparkassenstiftung, Hannover
Sprengel Museum, Hannover
Studienzentrum für Künstlerpublikationen, Bremen