Vortrag

Sonja Witte
Im Spiegel der Unschuld: Sexualmoral im Postnazismus

Freitag, 28. Oktober 2016, 20.00 Uhr

Von "Kinderschändern", "Unzucht", "kindlicher Reinheit" und anderen Symptomen

Insbesondere im Jahr 2013 kursierte in der Politik und den Medien die Frage: Haben wir bisher genau genug auf die von Pädophilen ausgehende Gefahr für Kinder hingeschaut? Dieser ‚geschärfte Blick‘ ist zentrales Element einer derzeit allgegenwärtigen panischen Verdachtsstimmung, wie sich exemplarisch anhand von journalistischen Publikationen zur Aufdeckung von Pädophilen zeigen lässt. Was sich, im gesellschaftlichen Bild des ‚Kinderschänders‘ u. a. verdichtet, sind – so die These – überschüssig-übergriffige Aspekte, die aus psychoanalytischer Sicht als konstitutiv für das Sexuelle selbst gelten und die einen ‚allergischen Punkt‘ (Adorno) darstellen. Dieser ist der Ausgangspunkt einer Betrachtung verschiedener ‚allergischer Punkte‘ der Sexualmoral im (post-)nazistischen Deutschland.

Es wird zu sehen sein: Stets wenden sich die Bedeutungen der Verknüpfungen von Sexualität mit der deutschen ‚Vergangenheitsbewältigung‘. Vor diesem Hintergrund erweist sich die aktuelle Sorge um den Schutz von Kindern und die Panik vor Pädophilen nicht nur als ein Symptom des derzeitigen verhandlungsmoralischen Ideals einer unschuldigen Sexualität, sondern auch, wie dieses mit der Geschichte deutscher ‚Vergangenheitsbewältigung‘ verwoben ist.

In Kooperation mit der Rosa Luxemburg Initiative Bremen, der Heinrich-Böll-Stiftung, dem AStA der Universität Oldenburg und der Zeitschrift Extrablatt – Aus Gründen gegen fast Alles