Eröffnung

Sibylle Springer
Das Vergnügen

Freitag, 10. Oktober 2014, 20.00 Uhr
Info

Einführung
Radek Krolczyk

Musik
Lilian von Haussen

Die Künstlerin ist anwesend

Zur Ausstellung Das Vergnügen

Loser  |  2014
Acryl auf Leinwand, 210 x 200 cm

Einführungsrede zur Ausstellung
Radek Krolczyk

Der erste Blick auf die große Leinwand hier hinter mir führt ins Nichts. Erst im nächsten Schritt in eine Struktur aus lauter Schwarz- und Grautönen. Dazwischen viele helle Punkte, Linien und Flächen. An manchen Stellen wandelt sich die Helligkeit in ein Gleißen. Die Farben die die Malerin Sibylle Springer in Punkten aufträgt überdecken einander - und überdecken einander auch nicht. Durchsichtigkeit und Undurchsichtigkeit, Deckung und nicht Deckung in einem, sind Eigenschaften der Acrylfarben, die sie meist verwendet. Die Punkte sind in Flächen organisiert. Diese Flächen scheinen sich übereinander zu schieben, wie Graphitplatten oder Öl auf einer schmutzigen Pfütze auf Asphalt. Diese Flächen schweben in wenigen Zentimetern Abstand von der Leinwand im Raum. Das Bild wird so materiell und imateriell zugleich. Es tritt in den Raum und löst sich von seiner Gegenständlichkeit. Die große Leinwand hinter mir enthält ein Geisterbild.

Geisterhaft sind auch die figurativen Konstellationen zu denen sich die Punkte aus Acrylfarbe an einigen Stellen organisieren. Hier ein Gesicht? Hier vielleicht eine Geige? Ein kleiner Hund? Eine Hand? Hier eine zweite? Mit einer Klinge?

Im hier Gemalten finden wir einige Hinweise auf das Geschehen. Zu sehen sind Gespenster in einer eigentümlichen Szenerie. Was geschieht wird verdeckt und doch durch die Verdeckung offenbar. Lösungen erhalten wir keine. Das Geschehen zusammenzufügen muss misslingen. Es ist keine Wiederherstellung möglich. Nicht durch Restauration und nicht durch Erinnerungsarbeit. Was wir zu sehen bekommen ist das Bild nach einem Bild. Von einer möglichen Szene bleibt nur ein Rest, wie etwas Ruß an einer Kaminwand nach dem Feuer, wie schwarze Flecken auf der Netzhaut nach einem Blick in die Sonne.

Die Szenerie aufzulösen bedeutet, das Ursprungsbild zu bemühen. Das Ursprungsbild aber ist ein totes Bild. Tote Bilder sind Bilder um die sich Kunsthistoriker kümmern. Sibylle Springer überträgt historische Bilder auf ihre Leinwände. Meistens, wie bei dem großformatigen Bild hinter mir, sind diese Bilder aus der Zeit des Barock. Tizians "Schindung des Marsyas" ist das Ausgangsbild.

So auch die beiden Versionen der Lucretia auf der Wand gegenüber. Sie sind nach Cranach dem Älteren gemalt. Das Bild zu meiner Linken ist auf René Magrittes "Das Vergnügen" bezogen. Das Mittlere kleinformatige Bild hat seinen Ursprung bei Norbert Schwontkowski. Der Totenschädel mit der Schleife war in seiner letzten großen Ausstellung im Hamburger Kunstverein zu sehen.

Nach der Übertragung der alten Motive auf ihre leeren Leinwände sind Bild und Motiv tot. Es folgt dann der Prozess des Übermalens. Das Motiv verändert sich, es wird zu einem anderen Motiv, schließlich zu einem neuen Bild.

Gemeinsam haben die Bilder, und auch Fotografien, die Sibylle Springer zu ihren Ausgangsmaterialien wählt, die Darstellung von Grausamkeiten. In dem Bild hinter mir ist eine gewaaltsame Szene griechisch-antiken Ursprungs verborgen. Es enthält den Satyr Marsyas - an den Hinterbeinen kopfüber in einen Baum gehangen. Mit einem Messer wird ihm das Fell abgezogen. Gleich zwei Männer sind mit dieser Aufgabe befasst. Jemand spielt dazu Geige. Ein Hund leckt das Blut, das auf den Boden läuft. Das ist grausam. Zweifelsohne.

Das barocke Original behält den Schmerz der Szenerie für sich. Durch die Bearbeitungen erst wird er gegenwärtig, wird er spürbar. Indem man sich auf Plateaus wie jenem hinter mir durch Details schaut, von Kleinigkeit zu Kleinigkeit. Von jenem Kopf zu jenem Arm mit Geige, zu jener  Hand in der eine klinge blitzt, zu jenem Rumpf und einem unglücklichen Gesicht.

Es scheint ganz so, als würden Zeigen und Verdecken ein dialektisches Verhältnis eingehen. Und diese Art der Dialektik ist eine Besonderheit der Werke dieser wunderbaren Malerin.   

Fotos: © Lukas Klose, 2014

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