Film

Res nullius
Alice Creischer / Andreas Siekmann 2013

Mittwoch, 04. Dezember 2013, 20.00 Uhr

Res nullius … is a Latin term derived from Roman law whereby res … are considered ownerless property and are usually free to be owned. It is related to Occupatio. Examples of res nullius in the socio-economic sphere are wild animals or abandoned property. … Wild animals are regarded as res nullius, and as not being the subject of private property until reduced into possession by being killed or captured. … Res nullius also has an application in public international law, more specifically called terra nullius, whereby a nation may assert control of an unclaimed territory and gain control when one of its citizens (often an exploratory and/or military expedition) enters the territory. This terra nullius principle justified colonisation of much of the world, as exemplified in the "carving up" of Africa by the European powers…. It is the concept that even though there may be indigenous peoples residing in "newly discovered" land, it is the right of the "more civilised" to take the land and put it to "good use”. (http://en.wikipedia.org/wiki/Res_nullius)

Die Rechtskategorie "Res nullius" taucht zum ersten Mal auf in einem Kompendium von Gewohnheitsrechten und Bräuchen, das im 2. Jhd. v. Chr. unter dem Namen Gaius verfasst wird. Es besteht u.a. in Benennungen und Aufzählungen davon, was und wie etwas zu Eigentum werden kann. Das Kompendium wird 533 n. Chr. unter Justinian als Gesetzescorpus "Institutiones Justiniani" formalisiert und verbindlich gemacht für die exekutive Gewalt des spätrömischen Imperiums.

Die Anwendung der Rechtskategorie "Res nullius" setzt sich bis jetzt fort. Sie besteht in der grundsätzlichen Untrennbarkeit der Aneignung mit Gewalt. Die Gewalt besteht darin, Bewohner oder Benutzer von Land, Häusern oder Produktionsmitteln durchzustreichen, sie und die Art ihres Zusammenlebens zu nichts zu machen. Damit konstituiert Res nullius ein Terrain, das wie eine ausgewischte Tafel mit der neuen Legitimität der Eigentümer beschrieben werden kann, als natürliche Ordnung und nicht als Faustrechtanarchie.

 "Im Magen des Raubtieres hat die Natur die Wahlstätte der Einigung, die Feueresse der innigsten Verschmelzung, das Organ des Zusammenhangs  der verschiedenen Tierarten bereitet." schreibt Marx als Resumee in seinem 1. Artikel über die Reglementierung der Waldnutzung, die er 1842 im Rheinischen Landtag mitverfolgte. Alte feudale Nutzungsrechte wie Holz- und Beerensammeln wurden dem neuen Eigentumsrecht des Landadels angepasst, bzw. nivelliert. Das Resume gilt den Vertretern des Adels, die trotz aller Einigkeit in der Habgier sich gegenseitig belauerten, wer wohl den größten Vorteil aus der Gesetzgebung ziehen kann. (Karl Marx: Debatten über das Holzdiebstahlsgesetz, 1842, in: Karl Marx/ Friedrich Engels – Werke, Dietz Verlag, Berlin. Band 1. Berlin/DDR. 1976. S. 109-147)

Alice Creischers und Andreas Siekmanns Film gibt es drei Episoden mit immer den gleichen Tieren: Bär, Wolf, Hyäne, Schakal, die ihre Mägen als Handtaschen hinter sich herschleppen. Diese Tiere sind polyvalente Akteure. Sie sind Monopolisten, die – währenddessen sie den Global Seed Vault in Spitsbergen sponsern und nach einigen Charity-Gesten – immer wieder versuchen, sich gegenseitig aufzuessen. Sie setzen diese Versuche fort in Benin, wo sie Landvermesser des Millenium Challenge Programs sind, das die Vermessung des Bodens als Information für Finanzanlagen an der Wallstreet verkaufen. 

Schließlich tauchen sie in Istanbul vor dem Ortsteil Sulukule auf, der als einer der ersten der gegenwärtigen Immobilieninwertsetzung zum Opfer fiel, die alle bisherigen Rechte auf Wohnung annuliert. Sie enden als Komparsen eines Spektakels im Hippodrom am Sultanahmet Platz – erbaut kurz vor der Teilung des Imperiums in ost- und weströmisches Reich. Das Spektakel sollte einen Konsens stiften zwischen dem städtische Proletariat und der Raffgier der Oligarchie, indem es Existenzangst zu Wettrennen sublimiert. Es kann auch als ein ästhetisches Erlebnis gesehen werden, eine Entfaltung von öffentlicher Pracht, die nur selten missrät, sehr selten eskaliert, sehr selten ein ihr inhärentes zwiespältiges Versprechen einlöst: nämlich den Konsens zu brechen. Wie im Nika Aufstand, der ein Jahr vor der Herausgabe der Institutiones stattfand, wo die Fans der grünen und der blauen Pferde Paläste und Kirchen plünderten und Justinian schließlich 30.000 von ihnen hinrichten ließ.

Einführung
Radek Krolczyk

Der Film wurde auf der Istanbul Biennale 2013 uraufgeführt und wird nun erstmalig in Deutschland gezeigt.

Zur Ausstellung Zur Aktualisierung des Atlasses von Arntz und Neurath