Photography Noir. Existence

15.03.2024 –
18.05.2024

Eröffnung 15.3. | 19:00

Photography Noir. Existence

Miron Zownir, Alexander Chekkmenev & Rimaldas Vikšraitis

Die von Chekmenev, Vikšraitis und Zownir geschaffenen Bilder sind unbestreitbar beunruhigend. Diese Fotografen, die aus drei verschiedenen Lebenswelten stammen - der städtischen, der industriellen und der ländlichen - bedrohen die Behaglichkeit unseres Selbstbewusstseins und die Illusion von Sicherheit, indem sie uns stillschweigend auffordern, uns auf ihre Bilder einzulassen. Welche Gefühle wecken sie in uns? Abneigung? Neugierde? Mitgefühl? Gleichgültigkeit? Die Peripherie blickt auf uns zurück und testet unsere Reaktionen. Diese Fotografen bewegen sich, ähnlich wie Trickbetrüger, im Grenzbereich zwischen Peripherie und Zentrum und sind doch keinem von beiden ganz zugehörig. Während ihre Fotografien heute historische Artefakte sind, erinnern sie daran, dass Fotografie eine fortwährende Zusammenarbeit zwischen dem Fotografen, der Kamera, dem Motiv und dem Betrachter ist. Der Akt der Wahrnehmung von Fotografie bleibt eine essentielle Fähigkeit in der gegenwärtigen Gesellschaft.

In der heutigen Welt, die sich sensibel gegenüber ethische Fragen zeigt, ist die Figur des Fotografen immer noch sehr umstritten. Sie werden als Raubtiere wahrgenommen, die sich in einer privilegierten Position befinden, wenn es darum geht, was oder wen sie mit ihrer Kamera ins Visier nehmen. Doch die Frage lautet: Ist das Verbot des Sehens und die Regulierung der Sichtbarkeit nicht nur die Kehrseite davon, Bilder in den Umlauf zu bringen? Führt es nicht zum gleichen Ergebnis, nämlich zur Bildung einer komfortablen Blase privilegierter Beobachter? Auch die Möglichkeit, nicht hinzusehen, ist ein Privileg. Diese Ausstellung bietet daher die Möglichkeit, unsere Fähigkeit auf die Probe zu stellen, durch den Auslöser zu sehen, zu rekonstruieren, was nicht gezeigt wird, und zu vermeiden, dass sofort Interpretationen und Maßstäbe von richtig und falsch auferlegt werden. Das Projekt untergräbt auch die Figur des Fotografen, der nicht mehr länger der allwissende Beobachter, sondern selbst Teil der sozialen Randgebiete ist, die er abbildet. Sie spielen nicht die Rolle des Messias und machen sich keine Illusionen über die Möglichkeiten die Gesellschaft allein durch Fotografie zu verändern. Aber die gemeinsame Erfahrung, Außenseiter zu sein, macht es ihnen ebenso unmöglich in einem auferlegten Schweigen zu verharren.

Der Titel der Ausstellung, Photographie Noir. Existence, ist inspiriert von Miron Zownirs Fotobuch Berlin Noir (2017) und lädt dazu ein, über die Verbindung zum gleichnamigen Filmgenre nachzudenken. Der 1946 von dem italienischen Filmkritiker Nino Frank geprägte Begriff „Film Noir" assoziiert typischerweise verführerische, in schummriges Licht und harte Schatten getauchte Szenen in verrauchten Bars, mit melodramatischen und neurotischen Protagonisten; Ermittler mit Filzhüten, Kriminelle und Femme fatales. Es ist dennoch schwierig, sich irgendetwas vorzustellen, das weiter von den surrealistischen Welten des Film Noir entfernt ist, als der knallharte Realismus der Fotografien von Alexander Chekmenev (Ukraine), Rimaldas Vikšraitis (Litauen) und Miron Zownir (BRD).

Miron Zownir ist ein Fotograf, der für seine ungeschönten Schwarz-Weiß-Bilder bekannt ist, die meist die Schattenseiten des städtischen Lebens zeigen. Sein Werk konzentriert sich auf Randgruppen und zeigt Szenen von Gewalt, Verzweiflung, Drogenabhängigkeit und Sexualität. Zownirs Anfangsjahre in West-Berlin und London Ende der 1970er Jahre prägten seinen Ansatz der fotografischen Dokumentation des sozialen Elends und der aufkommenden Punk-Bewegung. Auch in New York beschäftigte er sich ab 1980 mit dem rauen Großstadtleben. Inspiriert von osteuropäischen Fotografen und seiner ukrainischen Herkunft, weitete Zownir seine Aktivitäten auf Russland, die Ukraine und Rumänien aus und hielt auch dort Randfiguren wie in einem düsteren Kaleidoskop fest. Trotz der großen Verletzlichkeit der Porträtierten ist Zownirs Herangehensweise nicht aufdringlich, da er Szenen im öffentlichen Raum einfängt, in denen sie die Kontrolle behalten. Durch den konsequenten Einsatz der Schwarzweißfotografie hebt er zeitliche Markierungen auf und betont so die Beständigkeit von Leiden, Sehnsüchten und Ängsten. Zownirs Helden oszillieren oft zwischen reaktionslosen Zuständen und theatralischen Posen und offenbaren den Wunsch, das Gespenst des Todes zu überwinden und die Anwesenheit der Unbekannten und Ignorierten in der Gesellschaft sichtbar zu machen.

Alexander Chekmenev konzentriert sich auf den Aufbau enger Beziehungen zu den von ihm fotografierten Menschen, insbesondere in seiner Heimatregion Donbass, die heute von russischen Truppen besetzt ist. Chekmenevs Arbeit liefert ein detailliertes Archiv des Lebens in der Region in den 1990er und 2000er Jahren. Im Gegensatz zu schnellen Dokumentationen sucht er nach Empathie, ohne zu werten. Der Fotograf geht dabei selten verdeckt vor und macht keine heimlichen Aufnahmen, sondern sucht die gegenseitige Offenheit. Chekmenev gewinnt das Vertrauen seiner Protagonisten mühsam, in langen Gesprächen, bei gemeinsamen Mahlzeiten, bei der Schichtarbeit in den Minen und den Nachtschichten in Rettungswagen. Er konzentriert sich auf kleine, unbemerkte persönliche Tragödien. Auch wenn die unmittelbaren Schicksale auf den Bildern nicht ohne weiteres sichtbar werden, strahlen die Menschen in Chekmenevs Fotografien eine solche Vitalität und Lebendigkeit aus und wecken deshalb nicht immer Mitgefühl. Und doch ist es gerade diese Vitalität, die im krassen Gegensatz zur bitteren Armut ihrer Lebensumstände steht. Chekmenev trägt dazu bei, die Vergänglichkeit seiner Protagonisten zu transformieren, wobei er dem Betrachter oft Unbehagen bereitet, indem er diejenigen hervorhebt, die sich am Rande der Gegenwärtigkeit befinden.

Rimaldas Vikšraitis fängt die Peripherie des litauischen Landlebens ein und dokumentiert den Verfall von Dörfern, die nach dem Zusammenbruch der UdSSR verlassen wurden. Wie verlorene und vergessene Relikte der Vergangenheit suchen die Bewohner dieser Dörfer Zuflucht im Dunst des Alkohols. Im Gegensatz zur romantisierenden Darstellung des Leidens im Film Noir zeigt Vikšraitis den realen Schmerz vernachlässigter Kinder, alter Rentner, des Schmutzes und der Tiere. Er weicht von der Tradition der litauischen Fotoschule ab, die den ländlichen Raum mit humanistischen Einflüssen erforschte, indem er die dunklen Seiten zeigt, ohne sie zu verschleiern. Trotz seiner schonungslosen Herangehensweise pflegt Vikšraitis eine liebevolle Beziehung zu seinen Motiven. Obwohl seine Bilder manchmal als surreal bezeichnet werden, stellt er dieses Etikett in Frage, indem er der Echtheit der dargestellten Szenen stärker unterstreicht als die rätselhafte Theatralik. Von Fellini beeinflusst, stört Vikšraitis mit seinen Fotografien die Normalität und stellt etablierte Vorstellungen von der Welt in Frage. Die Peripherie, sowohl metaphorisch als auch buchstäblich, destabilisiert und blutet in das Zentrum hinein und fällt ein Urteil.

 

Oleksandra Osadcha

Kurator Darius Vaicekauskas