Arne Schmitt

Arne Schmitt (geb. 1984, Mayen, BRD) beschäftigt sich in seinen fotografischen Arbeiten mit Architektur und Städtebau. Im Zentrum seiner Betrachtung stehen ihre geschichtlichen und gesellschaftlichen Verwicklungen. Schmitt seziert zufällig oder gezielt aufgesuchte urbane Räume genauso wie historisches Material. Dabei arbeitet er meist ortsspezifisch, so etwa in Winterthur, wo er die symbolische Ökonomie des ehemals industriellen, jetzt kreativ-durchmischten Sulzer Areals behandelt. In seinem 2015 erschienen Buch Die neue Ungleichheit durchsucht er bei zahlreichen Spaziergängen das heutige Köln nach Momenten eines neoliberalen Umbaus. In Schmitts höchst präziser Fotografie kristallisiert sich das Politische in den Bauten und ihren Zwischenräumen.

Zu Schmitts wichtigsten Veröffentlichungen gehört das vieldiskutierte Buch Wenn Gesinnung Form wird (2012), eine fotografische Essaysammlung zur bundesdeutschen Nachkriegsarchitektur. Das Sprengel Museum Hannover widmete ihm hierzu im selben Jahr eine Ausstellung. 2018 erschien mit Basalt: Ursprung Gebrauch Überhöhung seine fotografische Auseinandersetzung mit der Verwendung und der Mythologie eines sehr spezifisch deutschen Natur- und Baumaterials.

Seine Arbeiten wurden 2013 mit dem Wüstenrot-Preis ausgezeichnet, einem der wichtigsten Preise für Dokumentarfotografie. 2016 war er Karl Schmidt-Rottluff-Stipendiat, 2018 gewann er den Kunstpreis der Böttcherstraße in Bremen. Seit 2016 spielt in seinem Werk Film eine immer größere Rolle. 2018 entstand mit Stadt – Gegenstadt ein Filmessay über das Verhältnis der traditionellen Stadt Mannheim und der Industrie- und Arbeiterstadt Ludwigsburg. Arne Schmitt verwendet hier Zwischentitel mit einem Text den Ernst Bloch 1928 in der Weltbühne veröffentlichte. 2020 stellte Arne Schmitt Sur les pavés l’asphalte  fertig – einen Film über die historische-ökonomische Entwicklung der Universitätszone von Bordeaux. Arne Schmitt lebt und arbeitet in Köln.

Arbeiten

Wenn Gesinnung Form wird/Philfak
Zeichen der Zeit
Basalt
Abbruch aller Beziehungen
In neuer Pracht
So viel wie nötig, so wenig wie möglich
Die neue Ungleichheit
Die autogerechte Stadt
Geräusch einer fernen Brandung
Glossar. Urformen der Städtebaukunst
Mannesmannufer
Versagen der Normalsprache
Kunst nach 45
Manche Dinge ändern sich nie

Der offene Konflikt, den Student*innen und Staat im stein ernen Zentrum der europäischen Stadt ausfochten und der zeitweise weite Teile der Bevölkerung aktivierte, hatte seinen Anfang in der Pariser Peripherie genommen: auf den modernen Campus- anlagen von Nanterre. Genauso in Bordeaux: Die ersten studentischen Proteste spielten sich in den Wohnheimen der weitläufigen suburbanen Universitätszone ab, die seit den 1950er Jahren umgesetzt wurde. Nur die Geistes- wissenschaften waren 1968 noch im Zentrum verblieben und wurden zum Hauptquartier der Student*innenbewegung. Nach Ende der Unruhen forderte der zuständige Präfekt die schnellstmögliche Verlegung der Fakultät an den Stadtrand.

Die Bezüge sind reich, die sich hier zwischen Zentralismus und Marginalisierung, zwischen Stadtplanung und technokratischer Gesellschaftssteuerung auftun. Aktive Minderheiten agieren nicht selten vom Rand aus – doch der Weg ins Zentrum ist unerlässlich, wenn sich nach- haltige Veränderung einstellen soll. Dasselbe gilt auch für jenes in jüngster Zeit umkämpfte Terrain, das sich zwischen Sprache, Denken und Handeln eröffnet.

Student*innen in Berlin-Hellersdorf äußerten Kritik an einem Gedicht, das von der Leitung ihrer Hochschule an der Fassade angebracht worden war. Sie forderten Beteiligung, gingen demokratisch durch alle Gremien der Hochschulselbstverwaltung und erreichten so Veränderung. Eine Mehrheit aus Politik und Gesellschaft, vor allem durch ein Mehr an Macht gekennzeichnet, empörte sich darüber dermaßen, dass sie autoritäres Einschreiten forderte – nicht selten Bezug nehmend auf ihre eigenen 68er- Werte. Der Vorwurf: Die Student*innen sprächen lediglich für eine Minderheit.

Was heißt es für diese Debatte, dass diese empörte Mehrheit die betreffende Fassade, diesen Teil der Stadt kaum je aus der Nähe gesehen hat? Und welchen Blick wirft die hochschulexterne Nachbarschaft auf die Fassade – als die wohl größte Gruppe von Betrachter*innen?

Arne Schmitt, Faltblatt zu Zum Gedanken der aktiven Minderheit, ngbk, Berlin, 2021

 

Zur Geschichte eines geschichtslosen Gebiets genannt Parkstadt Schwabing

14 Straßen, die alle nach Persönlichkeiten des Bauhaus benannt sind – in der bodenständigen Gestaltung Münchner Straßenschilder gefasst – vor dem Hintergrund generischer Büro- und Wohnarchitektur der Gegenwart. Diese verdichtete Konstellation von Zeichen bildet den Rahmen für Arne Schmitts Arbeit zur Parkstadt Schwabing im Norden von München: eine emblematische Neuplanung der neoliberalen 1990er Jahre, bestehend aus Büroriegeln, ein paar Wohnhäusern und einem Streifen Grün. Von einer fotografischen Beschreibung des Gebiets sieht Schmitt ab. Stattdessen verdichtet er seine Funktionen und Bedeutungen in 34 Schwarzweißfotografien von Schildern, die Bände sprechen über jene wirtschaftlichen wie politischen Kräfte, die auf diesen 40 ha städtischen Bodens gewirkt haben. Planungs- wie wirtschaftsgeschichtliche Kurztexte ergänzen diese Bilanz eines geschichtslosen Gebiets, zu dessen jüngerer Geschichte auch das fotografische Langzeitprojekt Areal des Fotografen Joachim Brohm gehört.

Das Fotobuch von Arne Schmitt ist einem einzigen Material gewidmet: Basalt, einem vulkanischen Gestein, das in den Steinbrüchen der Osteifel von Mayen und Mendig schon seit Jahrtausenden abgebaut wird. Seine Härte und gleichzeitig poröse Struktur machten ihn zum idealen Rohmaterial für Mühlsteine und damit zu einem weit gehandelten Exportprodukt. In der Region selbst wurden auch Häuser aus Basalt errichtet. In der Gründerzeit entwickelte sich eine ganze Baukultur um das Material. Viele Straßenzüge erscheinen deshalb noch heute in mattem Dunkelgrau. In zahlreichen Schwarzweiß-Fotografien stellt Schmitt die verschiedenen Zustände, Bearbeitungen und Verwendungen des Gesteins  nebeneinander. Die Konstante des natürlichen Materials lässt die Transformation in ein kulturelles Produkt um so deutlicher hervortreten.

Die Arbeit handelt vom Gerling Quartier, einem großangelegten Real Estate Projekt in der nordwestlichen Kölner Innenstadt. Der Verwaltungssitz des Versicherungsimperiums Gerling, der vor allem in den 1950er und 60er Jahren gebaut wurde, ist in den letzten Jahren einem Immobilienentwickler in hochpreisige Eigentumswohnungen und Büroflächen umgewandelt worden. Dabei wurden einige zeitgenössische Bauten ergänzt, die Charakteristik der vorhandenen Architektur jedoch bewusst beibehalten.

Hans Gerling, der die Firma in der Nachkriegszeit zu einem internationalen Versicherungsimperium ausbaute, hatte von verschiedenen Architekten seine Vision einer repräsentativen Firmenzentrale umsetzen lassen, beraten durch den Bildhauer Arno Breker, der mit der Familie befreundet war und mehrere Skulpturen und Reliefs für die Platzgestaltung schuf. In der Nachkriegszeit spöttisch als „Kölner Reichskanzlei“ tituliert, wird der monumental-strenge Neoklassizismus heute unverhohlen mit Begriffen beworben, die ebenso wie die Formensprache der Bauten an Werte erinnert, die im Nationalsozialismus Hochkonjunktur hatten.

So viel wie nötig, so wenig wie möglich
Zur symbolischen Ökonomie des Sulzer Areals

I.
Am 3. Juli 1937 versammelten sich die Arbeiter der Sulzer Werke in der Montagehalle. Grund war kollektiver Unmut: der merkliche Aufschwung, den das Unternehmen seit der Weltwirtschaftskrise erlebt hatte, war nicht in Form von besseren Arbeitsbedingungen und gesteigertem Verdienst an die Arbeiterschaft weitergegeben geworden. Dies wollte man nun einfordern, notfalls mithilfe eines Streiks erkämpfen. Nach einigen Beschwichtigungsversuchen leitender Angestellter soll Robert Sulzer selbst, damals Oberhaupt des Unternehmens, das Rednerpult betreten und die Arbeiter vorwurfsvoll angehalten haben, von solch drastischen Mitteln abzusehen: man habe bisher schließlich immer zu einer Einigung gefunden. Die daraufhin ausgehandelte Lohnerhöhung blieb angeblich nur knapp hinter der geforderten zurück – und legte den Grundstein für den sogenannten Arbeitsfrieden: eine Vereinbarung, in der Arbeiternehmer zugunsten verhandelbarer Privilegien auf das Streikrecht verzichten.

II.
Bis in die 1980er Jahre hinein bildete das Gelände der Sulzer Werke sowohl wirtschaftlich als auch städtebaulich das Herz der Stadt Winterthur. Dieser zentralen Bedeutung stand die Tatsache entgegen, das abgesehen von Arbeitern und Angestellten niemand hinter die Tore und Mauern blicken konnte, die das Areal umgaben. Es war der Öffentlichkeit völlig unzugänglich und wurde daher im Volksmund die verbotene Stadt genannt. 1988 gab Sulzer bekannt, den Produktionsstandort in Winterthur Stadtmitte gänzlich aufgeben zu wollen und stellte bald darauf einen Masterplan zur Neubebauung des Areals vor. Dieser basierte auf dem völligen Abriss der bisherigen Industriearchitektur – an ihrer Stelle sollten moderne Büro- und Wohngebäude entstehen. Dem Konzern schlug eine Welle der Entrüstung entgegen, sowohl aus Architektenkreisen als auch aus der Stadtbevölkerung. Beide hingen an den identitätsstiftenden Bauten und forderten ihre (zumindest teilweise) Erhaltung. Sulzer sah sich gezwungen einzulenken und beteiligte in der Folge die Stadt, den Heimatschutz sowie Architekten und Städtebauer an der Neuplanung. Währenddessen durften Zwischennutzer aus dem kreativen Bereich zu günstigen Mieten in die leer stehenden Gebäude einziehen. Sie halfen damit, deren Verfall zu verhindern – und gleichzeitig deren Wert zu steigern.

III.
Im Jahre 2010 verkaufte die Sulzer Immobilien AG ihren verblieben Besitzanteil am Areal an die Bau- und Projektentwicklerfirma Implenia. Diese kümmert sich seitdem um die schrittweise Umnutzung und Neubebauung, wobei eine harmonische Mischnutzung aus Wohnen, Arbeiten, Bildung und Freizeit angestrebt wird. Um diesem Prozess Transparenz zu verleihen, gibt die Firma das Sulzer Areal Magazin (SAM) heraus, in dem ausgewählten Planern, Politikern und Nutzern das Wort gegeben wird. So harmonisch wie die angestrebte Nutzungsstruktur nimmt sich auch die hier geführte Diskussion aus: Politiker äußern ihre persönlichen Erwartungen an die Zukunft des Quartiers; Architekten unterstreichen die fachliche Richtigkeit der aktuellen Planungen; auf der letzten Seite äußern jetzige und zukünftige Nutzer ihre Fragen und Bedenken und erhalten beruhigende redaktionelle Antworten. Das nebenstehende Impressum ziert das Logo von Implenia, dem größten Bauunternehmen der Schweiz: eine weiße Margeritenblüte.

Die neue Ungleichheit ist ein Versuch, sich dem Verhältnis von Architektur und Neoliberalismus anzunähern: Was könnte neoliberale Architektur sein? Weist sie einen bestimmten Stil auf oder wäre sie eher politisch/ökonomisch zu definieren? Die Arbeit begegnet der komplexen Fragestellung mit einer betont einfachen Strategie: einem abgesteckten Stadtspaziergang durch die Stadt Köln, vorbei an Gebäuden verschiedenster Stile und Epochen, die formal kaum Gemeinsamkeiten aufweisen. Ihr Zusammenhang ist vielmehr struktureller Natur: ihre Zustände, Wertschätzungen und politischen Einbindungen zeichnen ein Bild der architektonischen Gegenwart.

Die Form der Arbeit ist ein klassischer Bildband, bestehend aus Schwarzweißfotografien und einem Essay des Schriftstellers Thorsten Krämer – in Referenz an eine Buchtradition der 50er und 60er Jahre, die politische und gesellschaftliche Kritik der Gegenwart mit fotografischen Darstellungen der Stadt verknüpfte.

Dem in Bremen geborenen Stadtplaner und Architekten Fritz Schumacher wird das Bonmot zugeschrieben, Städtebau sei „die Kunst des Möglichen“. Mehr noch als die Architektur bestimmt die Verkehrsplanung den Gebrauch der Stadt – das Fließen von Menschen und Fahrzeugen, die Aufteilung in Grundflächen zu errichtender Bauten. Gleichzeitig unterliegt sie sehr viel stärker praktischen Erwägungen und tritt weniger direkt in den Blick als die sehr viel repräsentativer wirkende Architektur – noch heute ist häufig die Rede von „Körper“ und „Antlitz“ der Stadt.

Besonders in der Zeit des Wiederaufbaus der kriegszerstörten bundesdeutschen Städte war die Frage des zu planenden Straßennetzes primär: erst wenn der äußere Rahmen, die innere Struktur feststünde, könne mit dem eigentlichen Bauen begonnen werden. Wie diese Struktur aussehen sollte, ob sie sich an dem Grundriss der alten Stadt orientieren oder völlig frei formieren sollte, war Gegenstand hitziger Diskussionen. So entstand eine ganze Reihe programmatischer Schriften und Begriffe.

Arne Schmitt verhandelt den Begriff der „autogerechten Stadt“ in Form von Text, Fotografie, Projektion und Buch. Dabei untersucht er die reaktionären Implikationen und progressiven Anteile der Nachkriegsstadtplanung, in der dem Auto- und Fußgängerverkehr eine je eigene Sphäre im Stadtraum geschaffen werden sollte. Auf diese Weise sollte ein reibungsloser Verkehrsfluss, sicherer Fußgängerverkehr und ruhiges Wohnen ermöglicht werden. Der Blick, den Schmitt auf spezifische städtebauliche Objekte wie die Sennestadt bei Bielefeld und die Hauptverkehrsstraßen Hannovers richtet, ist der konkreten Gegenwart ebenso eng verhaftet wie dem historischen und ideologischen Boden, auf dem diese gewachsen sind.

Das Buch Geräusch einer fernen Brandung besteht lediglich aus einem Titel, 63 Farbfotografien und einem historischen Zeitungsartikel. Alle drei Elemente beziehen sich auf einen emblematischen Ort deutscher Großstädte, der Nachkriegszeit und Gegenwart aufs Tiefste verbindet: jene breiten Hauptverkehrsstraßen, die allerorts Ringe um Kernstädte bilden und Schneisen durch Stadtflächen ziehen. Sie stehen für ein zentrales Moment urbanen Lebens: die Anwesenheit und gleichzeitige Beziehungslosigkeit von Bewohnern und Benutzern der Stadt – einen kleinteiligen Individualverkehr innerhalb einer umfassenden Straßenverkehrsordnung.

So allgegenwärtig und banal jene Straßen wirken, so spezifisch und historisch relevant ist ihre Geschichte. Durch sie wurde die strukturelle Grundlage für die wiederaufzubauenden Städte nach 45 gelegt. Schmitt verhandelt somit das Allgemeine im Spezifischen: er fotografiert ausschließlich in Hannover, wo Stadtbaurat Rudolf Hillebrecht von den späten 1940er Jahren an mit dem Wiederaufbau der stark zerstörten Stadt betraut war und das Musterbeispiel eines Verkehrsnetzes entwarf, das Städteplaner über die Landesgrenzen hinaus begeisterte. Dazu verhalf ihm sein praxisorientiertes Organisationstalent, das er zur Zeit des Nationalsozialismus geschult hatte, genauso wie seine volksnahe Art - in unzähligen Bürgerversammlungen leistete er persönliche Überzeugungsarbeit für seine Pläne.

Hillebrecht ist eine exemplarische Figur der frühen Bundesrepublik. Noch bis zum Kriegsende war er unter der Leitung von Albert Speer an der Planung der städtebaulichen Form des Endsieges beteiligt. Nur wenige Jahre später war er wieder in Amt und Würden - und wirkte an der Gestalt der Stadt in der Bundesrepublik mit. So sagte er später über das geschwungene Straßennetz Hannovers: „Dieses Schwingen habe ich als Gefühl unserer Zeit empfunden, im Kontrast zum Gefühl des Marschierens oder des Geradeausgehens.“

All das rauscht in Schmitts detailreichen Fotografien mit – in Straßennamen, Autos, Fassaden und Firmenemblemen, die Stücke eines Mosaiks der bundesrepublikanischen Gegenwart bilden.

Die Fotoserie zeigt verschiedene Anlagekonzepte von Stadt in vorgefundenen Miniaturen. 

„Denn unter Stil verstehen wir doch den einheitlichen Formausdruck, den die gesamten Geistesäußerungen einer Epoche ergeben. Der einheitliche, nicht aber der besondere oder gar der absonderliche Charakter ist das Ausschlaggebende.“

–Peter Behrens, 1917

 

„Ein Haus steht für eine Idee, eine Stadt für eine staatliche Ordnung!“

–Friedrich Tamms, 1967

 

„Ich bin der Meinung, dass die Architektur im 21. Jahrhundert enorm an Bedeutung verlieren wird. Nicht einzelne pompöse Bauten prägen künftig die Städte, sondern die Kultur einer Stadt.“

–Albert Speer d. J., 2013

„Es schien ihm, als ob die Bevölkerung, bei offensichtlich eingeborener Erzähllust, die psychische Kraft, sich zu erinnern, genau in den Umrissen der zerstörten Flächen der Stadt verloren hätte.“

–Alexander Kluge, Der Luftangriff auf Halberstadt am 8. April 1945

Arne Schmitt zeigt in seiner Fotoreihe Ausschnitte unterschiedlicher Bauwerke: Garageneinfahrten, Unterführungen, Bürogebäude, Kunst im öffentlichen Raum. Es handelt sich dabei meist um Bauten, die im weiteren Sinne der bundesdeutschen Nachkriegsmoderne zuzurechnen sind.

„Kunst nach 45“ ist eine unscharfe Bezeichnung für Kunst, die im Nachkriegsdeutschland entstanden ist. Sowohl informelle als auch konzeptuelle Malerei, die Gruppe Zero oder auch Joseph Beuys werden dazu gerechnet. Es gibt Auktionen und Galerien für „Kunst nach 45“ – eine tatsächliche Stilbezeichnung ist es nicht. Doch behauptet der Terminus eine neue und unschuldige deutsche Kunst, die mit „vor 45“ genauso wenig zu tun hat, wie mit „vor 33“. Eine Art von Geschichtsvergessenheit, die im Architekturdiskurs auf eine ähnliche Weise funktioniert. Die Ausschnitte der Bauwerke auf Schmitts Fotos erinnern an unbestimmte Werke westdeutscher Nachkriegskunst.

Die Kamera nähert sich zunächst der Plastik, dann umrundet sie sie, schließlich sinkt sie zwischen ihre Falten. Richard Serras Stahlplastik mit dem Titel Terminal befindet sich seit 1979 in Bochum. Seit ihrer Platzierung in der Nähe des Hauptbahnhofs wird sie, die eine Leerstelle, einen utopischen Ort freihält, bekämpft, wird sie von Sprayern als Untergrund für Grafitti, von der Bochumer CDU als Kunstmonster im Wahlkampf und von Passanten als Toilette missbraucht.

CV

Ausstellungen

2021
Zum Gedanken der aktiven Minderheit, station urbaner kulturen (nGbK), Berlin

2020
Zeichen der Zeit, Galerie Jacky Strenz, Frankfurt am Main
Räson, Wilhelm Hack Museum, Ludwigshafen

2019
Zeichen der Zeit. Zur Geschichte eines geschichtslosen Gebiets genannt Parkstadt Schwabing, Kunstraum Münschen
die Insel (mit Fari Shams), Skulpturenmuseum Glaskasten, Marl

2018
Basalt. Ursprung Gebrauch Überhöhung, Bielefelder Kunstverein
Persönlichkeit und System, Stadtmuseum München

2017
Some Places to Read, Richas Digest, Köln
In neuer Pracht, Galerie Jacky Strenz, Frankfurt am Main
Alleinanspruch, mit Nico Joana Weber, Temporary Gallery, Köln

2016
Zwei Arbeiten, Galerie K', Bremen
Inseln der Differenz, Kjubh Kunstverein, Ebertplatz Köln

2015
Einer unter Vielen, Galerie Jacky Strenz, Frankfurt am Main

2014
Die autogerechte Stadt. Ein Weg aus dem Begriffs-Chaos, Galerie K', Bremen

2013
Bunker-Erfahrung, kjubh, Köln

2012
Wenn Gesinnung Form wird / Verflechtungen, Sprengel Museum, Hannover
Spot-Specific, mit Stef Renard, Galerie 52, Folkwang UdK, Essen
UN City, Wien, AT

2010
Projektraum Mikro, Düsseldorf

2009
It was the Streets that raised me, Streets that paid me, Streets that made me a Product of my Environment, mit Andrzej Steinbach, HGB Leipzig

2008
Vierten Grades, mit Daniel Niggemann, Fotofolgen / Galerie der HfbK Hamburg


Ausstellungsbeteiligungen (Auswahl)

2021
Abbruch aller Moderne, Galerie K', Bremen

2019
Vom Leben in Industrielandschaften. eine fotografische Bestandsaufnahme, Leopold Hösch Museum, Düren
Historiker*innen, Galerie K', Bremen
​​​​​​​Historiker*innen, Haus 1, Berlin
​​​​​​​Karl Schmidt Rottluff Stipendium. Die Ausstellung 2019, Kunsthalle Düsseldorf

2018
Kunstpreis der Böttcherstraße in Bremen, Kunsthalle Bremen
1938. Geburtstagsfest mit Gästen, Sprengel Museum Hannover

2017
Arbeiten gehen. Eine Ausstellung der Galerie BRD, Galerie Jahn und Jahn, München
The Photographic I - Other Pictures, S.M.A.K., Ghent
Global Players, Biennale für aktuelle Fotografie, Kunstverein Ludwigshafen
Asymmetrische Architexturen, Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen, Düsseldorf
New Positions, Förderkoje mit Galerie Jacky Strenz, Art Cologne, Köln

2016
In Deutschland reloaded (II), Galerie Kicken, Berlin
Von den Strömen der Stadt, Museum Abteiberg, Mönchengladbach
​​​​​​​Dokumentarfotografie Förderpreise der Wüstenrot Stiftung, Museum für Photographie, Braunschweig

Bücher

2020
Zeichen der Zeit. Zur Geschichte eines geschichtslosen Gebiets genannt Parkstadt Schwabing, Spector Books, Leipzig

2018
Basalt. Ursprung Gebrauch Überhöhung, Spector Books, Leipzig

2016
Lob der Peitschenlampe, Eigenverlag

2015
Die neue Ungleichheit. Ein Bildband entlang neoliberaler Architekturen (mit Thorsten Krämer), Spector Books, Leipzig

2014
Geräusch einer fernen Brandung, Spector Books, Leipzig

2012
Wenn Gesinnung Form wird. Eine Essaysammlung zur Nachkriegsarchitektur der BRD, Spector Books, Leipzig
Concrete Philosophy. On the specifics of a universal exhibition, Eigenverlag
It was the streets that raised me, streets that paid me, streets that made me a product of my environment, mit Andrzej Steinbach, Spector Books, Leipzig

2009
FUTURE TOGETHER NOW, Buchprojekt von Enrico Grunert, Aglaia Konrad, Ina Kwon, Tobias Neumann, Willem Oorebeek, Arne Schmitt, Andrzej Steinbach u.a., Institut für Buchkunst Leipzig

Künstlerbücher

2011
Rebuild to Destroy, 18,5x27cm, SW-Laserdruck,SC, Auflage: 30

2010
Manche Dinge ändern sich nie, 26x39cm, SW-Laserdruck, HC, Auflage: 10
Nationalgalerie, 14x13cm, SW-Laserdruck, Heft, Auflage: 50
o.T.(Zeitgenössische Deutsche Fotografie), 17,3x23cm, SW- und Farblaserdruck, Heft mit Poster im Schuber, Auflage: 20

2009
o.T. (Zeitgenössische Deutsche Fotografie), 17,3x23cm, SW- und Farblaserdruck, Heft mit Poster im Schuber, Auflage: 20
Pankow, 35x24cm, SW-Laserdruck, HC, Auflage: 15
Das höchste Gebot, 18x24cm, Farblaserdruck, Heft, Auflage: 15

2008
Resort, 12x16cm, SW-Laserdruck, Heft, Auflage: 25
Die Herren, 16x24cm, Farblaserdruck, HC, Auflage: 8
Geräusch einer fernen Brandung, 18,5x25cm, Farblaserdruck, HC, Auflage: 5

2007
2006™, 25x19cm, Ringbuch aus C-Prints, Auflage: 3
 

Sammlungen (Auswahl)

Fotomuseum Winterthur
Kunstsammlungen Zwickau
Museum Folkwang, Essen
Museum Ludwig, Köln
Niedersächsische Sparkassenstiftung, Hannover
Landesbank Hessen-Thüringen, Frankfurt am Main
Sprengel Museum, Hannover
Kunsthalle, Bremen
Studienzentrum für Künstlerpublikationen / Weserburg - Museum für moderne Kunst, Bremen
Sammlung Schürmann
Bundeskunstsammlung, Bonn