Christian Haake

Die Themen von Christian Haakes (geb. 1969, Bremerhaven, BRD) bildhauerischem Werk sind Erinnerung und Imagination. Er hat unter anderem Vitrinen und Schaufenster gebaut, aus Zeitungen neues Papier geschöpft und Schriftzüge auf ihre Konturen reduziert. Sein Bezugsrahmen ist die äußere gegenständliche Welt, oder vielmehr ihre Reste in Physis und Erinnerung. Haake schafft Formen, die leer und voll sind im gleichen Augenblick. Oftmals ist man bei der Betrachtung seiner Arbeiten mit freien Flächen und leeren Räumen konfrontiert. Dabei sind die Objekte und Installationen nie wirklich leer. Die weiß gekachelten Flächen seiner Wandobjekte zeigen Spuren der eigenen Herstellung und der eigenen Vergänglichkeit, die räumlichen Arbeiten nehmen Bezug zu ihrer architektonisch-sozialen Umgebung. Sie haben eine Vergangenheit, wenn auch eine unbestimmte. Ihre Gegenwart ist prekär, ihre Zukunft nur vage. Christian Haakes Arbeiten sind voller Bezüge zu Momenten des Alltags und der Geschichte. Auf diese Weise zwingen sie den Betrachter zum Assoziieren, führen ihn ins Ungewisse. Stets gibt es Andeutungen einer realen Welt. Man versucht sie zu fixieren – doch das scheint vergeblich. Christian Haake lebt und arbeitet in Bremen

Arbeiten

Text

Peter Friese
Nachbilder 

Erschienen in: Christian Haake, Kunstverein Ruhr / Salon Verlag, 2012

Weißer Elefant. Die auf die Wand als Loop projizierte Videoarbeit vermittelt eine geradezu unendlich erscheinende Reise durch ein Einkaufszentrum, wie wir es von Düsseldorf, Oberhausen, Mülheim, neuerdings auch vom Limbecker Platz in Essen und aus vielen anderen Städten kennen. Allerdings erscheint dieses Labyrinth des Konsums im Gegensatz zu den genannten noch immer aktiven „Malls“ hier befremdlich leer und im Zustand des Verfalls. Weder Warenauslagen noch Menschen sind zu sehen. Die lakonische Kamerafahrt mit ihrem eigenwilligen rauschenden Soundtrack im Hintergrund scheint nicht enden zu wollen. In den USA nennt man ein solches in Konkurs gegangenes und in der Folge leerstehendes Einkaufszentrum „White Elephant“. Auch in diesem Fall hat Christian Haake seine Aufnahmen nicht in einer realen Ladenpassage gemacht, sondern in einem dafür eigens angefertigten 2 x 4 m großen Modell, das er mit einer winzigen Kamera durchfahren hat. Verblüffend die Detailgenauigkeit zersplitterter Schaufenster, abgefallener Kacheln und einer im ganzen Szenario vorherrschenden Melancholie. Die auch auf den dritten Blick noch immer verblüffend „echt“ anmutende Neukonstruktion der leerstehenden Mall aber bestätigt die Annahme, es hier mit einer symbolischen Produktion und keiner „realistischen Dokumentation“ zu tun haben. Christian Haake erweist sich umso mehr als Künstler, dem es nicht um Abbildgenauigkeit im Sinne eines falsch verstandenen „Realismus“, sondern um ein konzeptuelles Vorgehen geht, das in der Lage ist unsere Wahrnehmungen zu formen und zu verändern. 

Its like a walk in Hopper. Man sollte sich schon etwas Zeit nehmen, um die formalen Qualitäten, die Lichtführung und die gesamte Dramaturgie des Videos zu erkennen und zu würdigen. Als auffallend wären in diesem Sinne die ruhige, gleitende Kameraführung und die mit ihr verbundene Ausleuchtung des nunmehr als Modell zu begreifenden filmischen Ambientes zu benennen. In der Tat schafft Haake mit seiner Lichtführung eine Atmosphäre, wie sie häufig in gut komponierten Gemälden zu finden ist. Diagonale Lichtstreifen gliedern die Projektionsfläche wie gleitend ineinander übergehende Bilder. Manche werden sich an die perfekt durch- dachten Lichtsituationen in den Bildern des amerikanischen Malers Edward Hopper erinnert fühlen. 

Und manches Ambiente in der amerikanischen Nachkriegsliteratur, in dem die Protagonisten eher sinnentleert verweilen als leben, wird auf eine Weise beschrieben, die ebenfalls ihre Entsprechung sowohl in den Bildern Hoppers als auch in diesem Video finden könnte. Allen gemeinsam ist eine kontemplative, von existenzialistischen Grundgedanken getragene Überzeugung, der hier in glaubhafter Weise Ausdruck verliehen wird. Haake zeigt uns etwas, das wir schon einmal gesehen zu haben glauben. Doch diese Erinnerungen erweisen sich als konstruierte Visionen, die uns nachdenklich machen und Rätsel aufgeben. Ihre Bezüge zur Wirklichkeit unserer Städte, zum Konsumalltag, machen sie zu melancholischen, aber der Realität überaus angemessenen Kommentaren unserer Gegenwart. Christian Haake hat für sein Video einen eigenwilligen zunächst wie ein technisch bedingtes Rauschen erscheinenden Soundtrack entworfen: Bei jedem Schnittwechsel des Bildes, oft verbunden mit einem Richtungswechsel der Kamera verändert sich dieser gleichbleibende Ton in seiner Höhe und seinem Volumen. Haake hat hier aus verschiedenen (hier nicht genannten) Filmsequenzen diejenigen Momente festgehalten, in denen gerade nicht gesprochen wird. Diese beispielsweise in Action-Filmen eingesetzte Leere und Stille dient nicht selten zur Erzeugung von Spannung. Hier, sozusagen aus dem Off, vermag es Haake seiner Kamerafahrt einen gleichsam monotonen wie irritierenden Kontrapunkt zu geben, der im Nachhinein an den kompositorischen Umgang von John Cage mit der Stille zu erinnern vermag. 

Walter Benjamin lässt grüßen. Der deutsche Philosoph, Schriftsteller und Kunstkritiker Walter Benjamin, nimmt sowohl, was den Umgang mit Erinnerungen, als auch das Begreifen einer innerstädtischen Situation wie von selbst eine besondere Position ein. In seinem Passagenwerk entwickelt er eine Methode der Geschichtsbetrachtung, bei der Großstadtphänomene wie Boulevards, Schaufenster, Straßenbeleuchtung und eben jene titelgebenden glasüberdachten Passagen besondere Rollen zu spielen beginnen. Ein Grundtypus des seit dem 19. Jahrhundert in der Metropole Paris, aber auch London, Brüssel oder Berlin zu beobachtenden Großstadtmenschen ist für Benjamin der Flaneur, also jemand, der ohne festes Ziel innerhalb eines urbanen Umfeld auf den für ihn bereit gehaltenen Wegen unterwegs ist - Schaufensterauslagen betrachtend, Blicke mit anderen Passanten austauschend, Kaffeehausbesuche als Ruhepausen nutzend, um sich zusammen mit an- deren gleichgesinnten Müßiggängern eines bestimmten Lebensgefühls zu vergewissern. Benjamin nennt die Passagen „Tempel der Ware“ und die Präsentation verschiedener käuflich zu erwerbenden Dinge in erleuchteten Schaufenstern und Vitrinen gerät zu ihrem Markenzeichen und eigentlichem Zweck. Die im 19. Jahrhundert entwickelten Stahlkonstruktionen ermöglichen zudem die weitgehende Verglasung und Transparenz der betreffenden Architektur und geben diesen Wandelgängen einen Doppelcharakter. Sie sind Innen und Außen, Straße und Gebäude zugleich und das Sich darin Bewegen entspricht einer bis heute gültigen Form der Verhaltensweisen öffentlichen Lebens im urbanen Umfeld. Walter Benjamins besonderes Verdienst besteht darin, dass er das Promenieren und Konsumieren, welche im 19. Jahrhundert zu Merkmalen eines „Strukturwandel(s) der Öffentlichkeit“ wurden, zum Modellfall einer historischen Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft erklärte, deren Symptome bis heute sichtbar und spürbar sind. Das unvollendet gebliebene Passagenwerk darf zurecht als „Urgeschichte der Moderne“ verstanden werden, als ungewöhnliche noch immer zutreffende Parabel, die aus der Stadtentwicklung des 19.Jahrhunderts eine Perspektive für die Gegenwart und Zukunft zu entwickeln vermag und in klarer Distanz gegenüber Methoden herkömmlicher Geschichtsbetrachtung steht. 

Melancholie. Christian Haakes Vitrineninstallation und sein Video „White Elephant“ tragen der Benjaminschen Betrachtungsweise insofern Rechnung, als sie mehrere darin beschriebene Grundzüge gemeinsam haben. Es geht nicht nur darum, offensichtliche Parallelen in der Beschäftigung beider mit dem Thema Großstadt aufzuzählen, sondern darum Haake eine ähnlich melancholische Grunddisposition wie Benjamin zu bescheinigen. Wenn letzterer an anderer Stelle tatsächlich vom „Blick der Melancholie“ spricht, meint er eben nicht den durch eine traurige oder depressive Gemütsverfassung getrübten Blick, sondern ganz im Gegenteil eine besondere, äußerst präzise vorgehende Betrachtungsweise, die Verknüpfungen und Erkenntnisse zu fördern in der Lage ist, welche dem rein analytischen Blick versagt bleiben. Im Gegensatz zur pathologischen Definition des Begriffs „Melancholie“ meint der Benjaminsche Begriff also vielmehr eine erkennende, zu Analysen und Kritik fähige, im weitesten Sinne auch souveräne kultur- und geistesgeschichtlich fundierte Betrachtungsweise. Es geht also eben nicht in erster Linie um ein Leiden an den (unterstellt ungerechten) Verhältnissen, sondern um eine höchst produktive und vielschichtige Form des Erkenntnisgewinns und der damit verbundenen differenzierten Kritik am Bestehenden. 


 

CV

Ausstellungen

2019
On Diplays, Drawing Room, Hamburg

2017
fluid, Städtische Galerie Delmenhorst
possumplay, Galerie K', Bremen

2016
Einzelpräsentation mit Galerie K', viennacontemporary, Wien, Österreich

2015
Spins/Circles/Abstracts, Kunsthalle Bremerhaven

2013
Echoes, Kunstverein Langenhagen

2012
Nachbilder, Kunstverein Ruhr, Essen

2011
White Elephant, GAK Gesellschaft für Aktuelle Kunst, Bremen

2010
Fisherman`s Friends, (mit Horst Müller), Cuxhavener Kunstverein
Transit, Bremer Kunst Satellit (mit Korpys/Löffler), Galerie Manzara Perspectives, Istanbul, Türkei

2009
Open Space, Art Cologne, Galerie Katharina Bittel
NOW SHOW, Galerie Katharina Bittel, Hamburg

Sammlungen

Bundeskunstsammlung, Bonn

Karin und Uwe Hollweg Stiftung, Bremen

Kunsthalle Hamburg

Bremer Landesbank

Kunstmuseum Bonn

Kunsthalle Bremerhaven

Kunsthalle Bremen

Städtische Galerie Delmenhorst

Ausstellungsbeteiligungen (Auswahl)

2021
Look! Enthüllungen zu Kunst und Fashion, Marta, Herford
Abbruch aller Moderne, Galerie K', Bremen

2020 
Invitation to Love – a groupshow curated by FORT, Kunstverein Bremerhaven 

2019
Bildersprachen, Syker Vorwerk

2016
|_|, Forum Stadtpark, Graz, Österreich
Review, Galerie Christine König, Wien, Österreich
Interludium I, GAK Gesellschaft für Aktuelle Kunst Bremen
Editionen, Kunstverein Bremerhaven

2015
Künstlerräume 02, Weserburg - Museum für moderne Kunst, Bremen

2014
Was Modelle können, Museum für Gegenwartskunst, Siegen
Cage_Raum, kuratiert von Wulf Herzogenrath, SUUM academy, Seoul, Korea
Beauty lies in desire, museum of contemporary art, Novi Sad, Serbien
Blanks, Galerie K', Bremen
COLLAB, Kreuzbergpavillon, Berlin

2013
HEIMsuchung, Kunstmuseum Bonn

2012
+6/2012 shortlist Columbus Art Foundation, Ravensburg

2011
Double take, kuratiert von Brigitte Kölle, M.1 Arthur Boskamp-Stiftung, Hohenlockstedt
Transit, Bremer Kunst Satellit at Galerie Manzara Perspectives, Istanbul, Türkei
Präsentation Paula- Modersohn-Becker-Preis, Kunsthalle Worpswede
Gazing into the stars, Riga Art Space, Riga, Lettland

2009
Grid and Line, Galerie Katharina Bittel, Hamburg
Space Revised #1 Friendly Takeovers. Strategien der Raumaneignung, Gesellschaft für Aktuelle Kunst, Bremen