Eiko Grimberg

Eiko Grimberg (geb. 1971, Karlsruhe, BRD) arbeitet mit Text, Fotografie und Video. Seine künstlerische Form ist der visuelle Essay. In vielen seiner Arbeiten stellt er das Überschüssige des Alltags ins Zentrum seiner Betrachtung. Seien es nun neoklassische Säulen und Kapitäle oder Geldscheine und Münzen – an solcherlei Atavismen in Architektur und Zahlungsverkehr zeigt er die irrationalen und nicht aufgearbeiteten Momente.

In drei zentralen Arbeiten zum Umbau der Städte, ihrer zentralen Plätze und öffentlichen Bauten, stellt er deren ideologischen Gehalt heraus: 2013 erschien sein Fotoband Future History, in dem er die Architektur des italienischen Faschismus einer genaueren Betrachtung unterzieht. Er stellt in den Bauten des Mussolini Regimes in Italien, aber auch in den ehemaligen afrikanischen Kolonien, eine Gleichzeitigkeit von Moderne und Neoklassizismus fest. In seinem intermedialen Werk The Pool von 2017, spürt er dem Umbau in der Moskauer Stadtmitte nach – von der Erlöserkirche im Zarenreich zum sowjetischen Schwimmbad und der Rückkehr der Kirche im heutigen Russland.

Zuletzt erschien 2020 sein Buch Rückschaufehler. Seit 2011 beobachtet er den Bau des Berliner Schlosses und beschäftigt sich mit den damit verbundenen Schichten der deutschen Geschichte. Im Projekt des Wiederaufbaus legt er die Übergänge vom Kaiserreich, über den Nationalsozialismus, die BRD und DDR bis hin zum wiedervereinigten Deutschland frei. Eiko Grimberg lebt und arbeitet in Berlin.

Arbeiten

Rückschaufehler
The Pool
They Shoot Historians, Don’t They?
Future History
Borrowed Shapes
Geld
The Years to Come

2011-2020 

Eiko Grimbergs Fotoband Rückschaufehler erschien im Dezember 2020 bei Kodoji Press.

Wenn die Geschichte stimmt, dass Trümmer des gesprengten Berliner Schlosses in einem Affenfreigehege im Tierpark Friedrichsfelde verbaut worden sind, dann hat die DDR-Administration tatsächlich Humor bewiesen. Auch die Vorstellung, dass aus der Bronze einer eingeschmolzenen Stalinskulptur Flamingofiguren für den Tierpark gegossen wurden oder marmorne Wandverkleidungen der geschleiften Reichskanzlei in der nächsten Ubahnstation verbaut worden sind freut sich über die „Ironie der Geschichte“. Grimberg folgt der Spur der Steine.

Der Begriff ‚Rückschaufehler‘ bezeichnet eine durch die Kenntnis des tatsächlichen Ausgangs der Ereignisse verzerrte Erinnerung an die eigene Prognose. Die Vorhersage wird im Nachhinein korrigiert. Man möchte nicht wahrhaben wie falsch man einmal lag. Den diversen urbanen Legenden und Realitäten Berlins, denen er in diesem Projekt nachgeht, ist der unbewusste Wunsch nach historischer Korrektur gemein.

Oder aber der Fehler meint die Rückschau selbst. Auf einer zweiten Ebene des Langzeitprojektes dokumentiert er in essayistischer Form den ironiefreien Wiederaufbau des Berliner Schlosses.

Mira Annelli Naß im Neuen Deutschland über Rückschaufehler.

Christiane Ketteler und Philipp Zdrojewski in der Jungle World über Rückschaufehler.

Eiko Grimberg behandelt in seinem fotografischen Projekt "The Pool" ein Areal im Moskauer Zentrum, auf dem sich die gesamte Geschichte des 20. Jahrhunderts abzeichnet. Bis 1931 stand dort Russlands größte orthodoxe Kirche. Die Sowjets ließen sie abreißen, um an ihrer Stelle den Palast der Sowjets zu errichten. Nach dem Ausbruch des Krieges wurden die Bauarbeiten zunächst unterbrochen, nach Stalins Tod schließlich war das Projekt endgültig begraben. Anfang der 1960er Jahre wurde dann an dessen Stelle ein Schwimmbad gebaut, das damals wegen seiner modernen Ausstattung Weltruhm erlangte. Direkt nach der Wende wurde das Schwimmbad zugeschüttet und die Erlöserkirche wiedererichtet – in der später die Band Pussy Riot ihren berühmten Auftritt haben sollte. Eiko Grimberg untersucht eine weitgehend ideologiefreie Phase – die Phase des Pools. Er befragt Zeitzeugen und sucht Bildmaterial. Gleichzeitig erkundet er das gegenwärtige Moskau nach architektonischen und künstlerischen Spuren der frühen Sowjetjahre und der Stalinzeit.

Seit 2016

Auch Eiko Grimbergs neues Projekt (They Shoot Historians, Don't They?, 2016) nimmt seinen Anfang in Paris. Ausgehend von den politischen und sozialen Eruptionen, die die Stadt in den vergangenen Jahren durchlebt hat, visualisiert Grimberg in digitalen Collagen den Clash grosser geschichtsträchtiger Erzählungen der Gegenwart: Errichtung des Kalifats durch die Islamisten versus Verteidigung des Abendlandes durch die Neueste Rechte.

Er legt Bildschichten übereinander, verschränkt so unterschiedliche Narrationen im Bild, arrangiert ein Übereinander statt ein Nebeneinander und setzt so dem warburgschen Kartografieren visueller Kultur eine Form entgegen, die einer zeitgenössischen Bildproduktion und -rezeption entspricht: In Bildern vermittelte Wirklichkeit überlagert sich kontinuierlich durch immer neue Bildveröffentlichungen und -wanderungen, so dass mitunter nur überlappende Bedeutungsränder bleiben, wie sie sich in Grimbergs Collagen darstellen.

Maik Schlüter, More to come, 2016

 

1    Como, Lissone
2    Venice, Florence
3    Sabaudia, Modena
4    EUR Rome
5    Ostia, Rome
6    Asmara
7    Naples, Genoa  




Italien erlebt in den zwanziger und dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts einen massiven Bauboom, der ganze Stadtsanierungen, Strassen, Schulen und Krankenhäuser, Einrichtungen der Parteiverbände usw. umfasst. Im Prinzip wird ein ganzes Land neu möbliert – für eine totalitäre Gesellschaftsform.

Heute sind diese Gebäude ihrer ideologischen Bedeutung enthoben, nicht aber ihrer funktionalen. Sie sind weiterhin Postämter, Bahnhöfe, Kindergärten oder Minesterien. Wohin verschwinden die alten politischen Konotationen in der post-faschistischen Gesellschaft?
Sind die Zeichen noch die selben oder die gleichen, bedeuten sie nur etwas anderes oder sind sie leer (wieder) arbiträr geworden? Aber willkürlich waren sie im Prinzip doch schon immer.

Future History ist eine Untersuchung der Form wie auch ihres politischen Gebrauchs.

2015

In und um Paris finden sich einige inzwischen klassisch wirkende Wohnanlagen im Stil des Eklektizismus der 1980er Jahre. Die gestalterischen Entscheidungen der Architekten sind heute kaum mehr nachzuvollziehen, sie erscheinen als geschmackliche Verunsicherung, ihre Halbwertszeit ist schon nach etwas mehr als dreißig Jahren erreicht. Diese Großbauten sollten das Urbane in der Peripherie verwirklichen und griffen dafür auf die Formsprache des Klassizismus zurück, was sowohl die Raum- als auch die Fassadengestaltung betrifft: Tempel und Theater, Säule und Kapitell.

Es handelt sich dabei oft um sozialen Wohnungsbau, die komplette Präfabrikation der Bauelemente garantierte die ökonomische Rentabilität. Das repräsentative Äußere steht in Kontrast zu den bescheidenen Wohneinheiten, die mehr an die „Arbeiterschließfächer“ der geächteten Moderne erinnern als an das „Versailles der kleinen Leute“ wie Ricardo Bofills Arcades du Lac in Saint-Quentin-En-Yvelines gerne genannt werden.                    (Radek Krolczyk)

Geld ist nicht wesentlich. Geld ist Ausdrucksmittel oder Erscheinung eines gesellschaftlichen Verhältnisses. Der Wert ist das vermittelnde Dritte zwischen Ware und Arbeitszeit. Der Wert ist abstrakt und braucht eine Erscheinungsform. Die findet er im Geld. In Scheine und Münzen verkleidet sich der Wert. Geld kann man horten, es stehlen, man kann einen protzigen oder verschämten Umgang mit ihm pflegen. Wie nimmt man es in die Hand? Worin bewahrt man es auf? In welchen Einheiten trägt man es mit sich herum? In jeder Verkleidung steckt ein irrationales Moment. Geld hat seinen Fetischcharakter. Geld ist anal. Man hält es fest oder verschleudert es. Prinzipiell braucht das gesellschaftliche Verhältnis keine Scheine oder Münzen. Es kann sich auch in Konten und Zahlen manifestieren. Geld ist zutiefst atavistisch.         (Radek Krolczyk)

An einer Aussenwand des Gebäudes der J.P. Morgan Company in Manhattan finden sich Spuren eines Ereignisses, das fast 100 Jahre zurückliegt. Am 16.9. 1920 explodierte ein mit Dynamit und Eisenschrapnellen beladenes Pferdefuhrwerk an der Kreuzung von Broad und Wall Street. 38 Menschen wurden getötet und hunderte verletzt. Die Aussagen der Zeugen sind widersprüchlich, einziges Indiz ist ein Hufeisen. Von ihm will die Polizei auf das Pferd, vom Pferd auf den Besitzer schließen. Sämtliche Ermittlungen verlaufen ergebnislos. Ob es sich um einen Unfall oder Anschlag handelte, konnte nie geklärt werden.

Nach dem 11. September 2001 sind im New Yorker Financial District die Sicherheitsvorkehrungen massiv erhöht worden. Die Börse und umliegende Bankgebäude gelten als 'anschlagsrelevant'. Quergestellte Autos versperren die Zufahrten, der Eingang des Stock Exchange wird von gepanzerten Fahrzeugen geschützt. The Years to Come untersucht den Ort, an dem sich Vergangenheit und Gegenwart auf seltsame Weise verschränken.   

 

CV

Ausstellungen

2020
uneven ground, Prag

2019
Historiker*innen, Galerie K´, Bremen
Historiker*innen, Haus 1, Berlin
11. Berlin Biennale, exp. 1: the Bones of the World / Das Gerippe der Welt
Future History, University at Buffalo Art Galleries, Buffalo, New York

2018
Reading the Cities, Wilhelm Leuschner Platz, Leipzig
f/12.2, Art Foyer der DZ Bank, Frankfurt am Main

2017
the pool, Kunstverein Leipzig
the pool, Galerie K', Bremen
the pool, Haus 1, Berlin

2016
More to Come, SCOPE Hannover
A Visit from Ghosts, Visual Cultural Research Center, Kiew

2015
The Beast and the Sovereign, Württembergischer Kunstverein, Stuttgart
Borrowed Shapes, Galerie K’, Bremen
The Beast and the Sovereign, MACBA Barcelona

2014
Aufstocker (mit Arthur Zalewski), Kunstverein Leipzig

2013
Would You Ever Write A Tract, Autocenter, Berlin
Fotodoks, München
Galerie Weingrüll, Karlsruhe
uncharted, 267 Quartiere für zeitgenössische Kunst und Fotografie, Braunschweig
Viaggio in Italia, Atelierfrankfurt, Frankfurt am Main

2012
Oh my Complex, Württembergischer Kunstverein, Stuttgart
Widerstand? Oblomowieren: Muße, Muss und Müßigang, Leipziger Kunstverein
Viaggio in Italia, Werkschauhalle, Leipzig

2011
Urban Noise, Künstlerhaus Bethanien, Berlin
Dump Time. Für eine Praxis des Horizontalen, Shedhalle, Zürich
Remember Then: An Exhibition on the Photography of Memory, Concourse Gallery, Harvard University, Cambridge (MA), USA

2010
Future History, Christinger De Mayo, Zürich

2009
Personne, Schleicher & Lange, Paris
Antirepresentationalism / Trouble with Realism, KOW, Berlin
Folie du jour, Klemm’s, Berlin / Projektraum Wiels, Brüssel

Bücher

Rückschaufehler | 2020 | Kodiji, Zürich 
Future History | 2013 | Kodiji, Zürich 
​​​​​​​The Years to Come | 2006 | Berlin / Zürich 
When Germans clap, it’s like we boouuh | 2003 | Berlin

Sammlungen

Museum Folkwang, Essen
DZ-Bank, Frankfurt am Main
Studienzentrum für Künstlerpublikationen/Weserburg - Museum für moderne Kunst, Bremen