Francisco Valença Vaz

Francisco Valença Vaz ( geb. 1996, Recife, Brasilien) arbeitet mit den Mitteln der Malerie an ihrer Abschaffung. Farbe, Fläche und Linie ordnet er nicht auf der Leinwand, er tut es im Raum, mit Projektion, Schatten und Licht. Seine immateriellen, räumlichen Bilder übersetzte er in kleine Plastiken aus gebogenem Plexiglas. In seinen neueren Arbeiten verwendet er formfelexible Dinge, die in allen Badezimmern dieser Welt zu finden sind: Handtücher und Duschvorhänge. Diese ebenso universellen wie armen Materialien lässt er mit seinen grafischen Bildkompositionen bedrucken. Die so entstehenden Tafelbilder verändern ihre Gestalt durch ihre Hängung, ihre Faltung und die Faltenwürfe. Aus farbiger Seifenmasse gießt er kleine Gegenstände, die mehr Grafik sind als Körper. Aus durchsichtigem Plexiglas hat er amorphe Formen lasern lassen, die an Wolken, Wellen oder Schiffchen erinnern. Ihre sehr vorsichtige Erscheinung manifestiert sich in einem klaren Material, dessen Umrisse durch Lichtbrüche und Schatten ganz verschwimmen. Francisco Valença Vaz lebt und arbeitet in Wien. 
 

Arbeiten

nur net hudln
goldene Äpfel auf silbernen Schalen
so vergeht der Ruhm der Welt
Erstmal sacken lassen
Absent-mindedness
Wolkenkratzer
Cabrio

Radek Krolczyk: Deine Videoarbeit every street has your name (2023) hast du als Triptychon konzipiert. Auf den Monitoren erscheinen von dir animierte Alltagsgegenstände: Haltegriffe, Autoreifen, Aschenbecher. Die Form einer dreigeteilten Bildfläche verweist auf Altarbilder, wie sie im Christentum seit dem frühen Mittelalter vorkommen. Wo liegt der religiöse Gehalt dieser sehr gewöhnlichen Dinge, die du hier zeigst?

Francisco Valença Vaz: Religiös sind sie auf zweierlei Arten. Zum einen zeige ich meine Gegenstände als Waren, mit einer glatten, kapitalistischen Ästhetik, wie man es in der Werbung tut. Zweitens aber sind sie mit Hoffnungen und wünschen behaftet. Die sich horizontal drehenden Autoreifen etwa sind mit den Symbolen von Sternzeichen besetzt. Meine Gegenstände wollen konsumiert werden, aber auch Trost spenden. Dadurch werden sie zu heiligen Gegenständen. Natürlich steckt da auch eine Menge Ironie drin. 

RK: Ein Triptychon greift verschiedene Konzepte des frühen Christentums auf: Himmel, Erde und Hölle, Vater, Sohn und heiliger Geist. In deiner Filmskulptur tauchen deutlich mehr als drei Figuren auf.

FVV: Ich nehme die christliche Form und öffne sie dann. Tatsächlich tauchen meine Figuren nur für ein paar Sekunden auf und verschwinden dann wieder. Ein weiterer religiöser Aspekt ist, dass all die profanen Dinge des Alltags ihre dematerialisieren und so zur bloßen Idee werden. So werden sie vollkommen vergeistigt.

RK: Du hast in deinen früheren Arbeiten immer wieder alltägliche Gegenstände genommen und sie in Materialien überführt, durch die sie vollkommen unbrauchbar wurden. Seien es Aschenbecher aus Seife oder Eis am Stiel aus Wachs, in deiner Werkgruppe bona fide (2020/21). Beide Materialien sind tendenziell luzide, bei Licht werden sie durchsichtig, bei Feuchtigkeit oder Wärme lösen sie sich auf. Hier aber gehst du einen Schritt weiter und übrig bleibt nur das Abbild eines Aschenbechers oder eines Autoreifens, das verschwindet, sobald seine Zeit im Film rum ist. 

FVV: Von den profanen Gegenständen gehe ich nun aber auch auf die besonderen Gegenstände über. Ich zeige Aufnahmen von Monumenten, die ich in Wien oder im tschechischen Olomouc im öffentlichen Raum gefunden habe. Diese Statuen fallen  in meinem Film in sich zusammen, während die profanen Gegenstände zu Monumenten erwachsen. 

RK: Manchen dieser Monumente hast du dein eigenes Gesicht verpasst. 

FVV: Es ist eine Projektionsleistung, dass wir all den Gegenständen, ob profan oder monumental, ihre Bedeutung zuschreiben. Diese Bedeutung tragen sie nicht in sich, sie ist nachträglich in sie hineingelegt. Alle Heiligkeit kommt also von uns selbst. So wichtig nehmen wir uns, und deshalb auch dieser Titel: every street has your name. So wichtig nehmen wir uns, dass alle Straßen unseren eigenen Namen tragen. Das lässt sich auf die Dinge übertragen, die ihre Heiligkeit durch ihre ständige Anwesenheit in der Werbung erworben haben, also die Dinge des Konsums.

RK: Nun ist es ja aber so, dass du dich nicht für die klassischen Symbole der kapitalistischen Warenwelt entschieden hast. Wir sehen nicht die Bilder von, Smartphones, Coca-Cola-Flaschen oder Hamburgern. 

FVV: Ich halte es abstrakter und dadurch wird das Moment der Hoffnung auch allgemeiner und stärker. Viele meiner Gegenstände haben zudem mit Bewegung zu tun: Autoreifen, Fahrräder, E-Scooter, die Pferde am Gespann des Maria-Theresa-Denkmals in Wien. 

RK: Was du von den Symbolen des Konsums überträgst, ist die Ästhetik. 

FVV: Genau – all diese Gegenstände zeige ich zugleich fluide und monumental. In diesen sauberen und klaren Farben. Mächtiger kann ein Bild gar nicht sein.

RK: Die Idee drängt dazu materiell zu erscheinen. Es ist wie im animierten Vorspann eines Kinofilms. Die Macht der Bilder ist groß erscheinen. Sie werden real: von den Suchscheinwerfern, die als Säulen den Filmraum durchschneiden bis zu den Flügen entlang der Konturen der Embleme von Filmproduktionsfirmen. 

FVV: In meinem Film versinken die Reifen und Aschenbecher in ihrer Rotation in ihrem Umraum. Diese Rotation vollzieht sich in einem Raum ohne logische oder physikalische Gesetze. 

RK: Deine Referenzen hier sind zahlreich und vielfältig: wir haben die Bildform des frühen Christentums, eine konsumistische Oberflächenästhetik, die Vergeistigung alltäglicher Dinge...

FVV:  Mir ist es wichtig, dass all diese unterschiedlichen Bedeutungsebenen einander überlappen und ablösen. Die Gegenstände erscheinen und verschwinden wieder auf den Bildschirmen. Im Loop kehrt jede mögliche Konstellation immer wieder zurück. Auf diese Weise können sie sich im Ausstellungsraum und in der Zeit in immer wieder neu veränderter Weise entfalten. 

 

 

Baumwolle täuscht nicht, Polyester schon. Mit der Verbreitung sozialer Medien scheint es, als verwandle sich der Künstler zusammen mit seinem Werk in ein Produkt. Um dies zu verarbeiten, bedient sich die Installation goldene Äpfel auf silbernen Schalen an Bühnenbildelementen und unterschiedlichen Materialreferenzen. Mittendrin wird eine Ikonen unseres Selbst zu inszeniert.  

Auf eine Art Wandteppich hat der Künstler ein Abbild seines eigenen Körpers drucken lassen; er skizziert sich selbst. In Anlehnung an jene biblische  Schlange wickelt sich eine Art Schal um die Arme und den Rücken des Künstlers. Es stellt sich die Frage, ob die Plastik- und Mikrofaserobjekte dieser Installation die neuen barocken Symbole sind, die uns daran erinnern, dass alles vergehen wird.

Dieser wandteppichartige Gegenstand weist auf den Akt des Malens selbst hin: streicht man mit der Hand über seine Oberfläche, bleiben im Gewebe Spuren sichtbar bleiben. Die Abbildung des Malers auf dieser Fotografie wird performativ, sein müder Körper bringt Bedeutungen hervor, bespielsweise den Zwang dem der Künstler unterliegt, stets etas produzieren zu müssen. 

Gefaltet oder gehängt sind hier bedruckte Handtücher sind zu sehen. Das Handtuch selbst ist ein recht körpernaher Stoff. JBeim Abtrocknen erweitern wir unbewusst und täglich das Verständnis unseres materiellen Körpers - eine selbst-skulpturale Erfahrung. Entgegen dieser Körperlichkeit wurden die auf die Handtücher gedruckten Bilder am Computer produziert. Der malerische Handwerkswert des Bildes verschwindet ebenso wie der Maler als Handwerker. Der Malerhandwerker vrschwindet nmit einem Laptop als Maschine in einer Welt, die weder ganz real, noch ganz virtuel ist. Vielleicht handelt es sich um eine sakrale Virtualität, mit Bezug zur Wolke des Internets, die am Himmel schwebt, mit dem Versprechen unerreichbaren Wirklichkeit. Möglicherweise befindet sich hinter dieser Wolke ein Portal. 

Auf eine ähnliche Weise deuten die auf den Duschvorhängen gedruckten Bilder an, dass sich hinter ihnen etwas verbirgt, oder im Gegenteil, dass die bloße Oberflächlichkeit dieser Objekte nichts Besonderes zu verkünden hat. Sie sind sowohl Objekte aus kurzlebigen Materialien, die keine Zukunft haben, als auch Versprechen der Industrialisierungsprozesse. Auf einem Plexiglasregal ruhen sechs transparente Schrauben, ihr Titel: graue Theorie. Zwei geschmolzene LED-Birnen aus Wachs, begleiten die Zerstückelung der neuesten Ideen des Künstlers. 

Es geht hier nicht um die direkte Frage, was Malerei sein könnte, sondern um die Entwicklung einer interdisziplinären Form künstlerischer Vorstellungskraft. Worte, gesprochen zu rechten Zeit, sinbd wie goldene Äpfel auf silbernen Schalen. Die kleinen Plastikäpfel hier sind ewige Fruchte, die alle Zeit überdauern werden. Die Frucht wird hier zur mimetischen Protagonistin und die Installation zum inszenierten Raum.

 

Der Ruhm der Welt vergeht direkt am Körper des ruhmhaften Künstlers. Den Trost, den ihm die kapitalistisch verdinglichte und nun auch noch kriegsführende Welt verwehrt, sucht er in den Dingen der Kunst. Von den Dingen der Kunst sagt man, sie seien uneins mit der Welt, sie seien widerständig. Um den müden Körper des Künstlers ist nun als trostversprechendes Kunstding ein farbiger Schal gewickelt. Sein Versprechen aber wird enttäuscht: er hängt bloß schwer am müden Köper, ermüdet ihn zusätzlich noch, anstatt ihm Kraft und Trost zu geben. Sein synthetisches Material, sein synthetisches Muster behaupten Dynamik und verstärken die Kälte. Die entfremdete Lohnarbeit, also toter Arbeit, erschöpft den Körper; die künstlerische Arbeit erscheint mit einem Versprechen, wird dann der Lohnarbeit ähnlich und erschöpft den Körper nur noch mehr. Als Zeichnung oder künstlerische Signatur erscheint das trostversprechedne Ding schließlich an der Wand, als bloß noch ästhetischer, von Körper, Arbeit und Erschöpfung befreiter Rest. Die es nun umgebenden, flackernden Linien lassen das Ding toter Arbeit lebendig erscheinen. Als Lichtspiel adeln sie das Ding toter Arbeit schließlich als Heiligtum, als autonomes Kunstwerk.

Cabrio | 2020

Links

Erka Shalari im Gespräch mit Francisco Valença Vaz für Les Nouveaux Riches, 2023 

CV

Einzelausstellungen

2023
xy galerie, Olomouc, Tschechien
nur net hudln, Sternstudio Galerie, Wien, Österreich
Nimm, was du kriegen kannst, Eboran Galerie, Salzburg, Österreich

2021
Francisco Valenca Vaz, Galerie K´, Bremen
Erstmal sacken lassen, Künstlerhäuser Worpswede
5wh1, Galerie Mitte, Bremen

Ausstellungsbeteiligungen (Auswahl)

2023
À Table!, Schloss Agathenburg
Die Büchert der Künstler/innen, Galerie K', Bremen

2022
Completely Knocked Down 2, Städtische Galerie Bremen
Like a fish out of water, Universität der Künste Berlin
Start56, Gopea Preis, Burg Bentheim, Bentheim
Stinky Jelly Steam, Galerie Mitte, Bremen
Weaving Echos, Gerhard-Marcks-Haus, Bremen
Galeriefest Kassel 2022, Südgalerien e.V., Kassel
45. Bremer Förderpreis für Bildende Kunst, Städtische Galerie Bremen
Gallery of pre-established Art, Nordhorn
Rausprojekt 8.0, Wien, Österreich
2021oVierzig_aufladen, Galerie Mitte, Bremen

2021
Número Galeria, Recife, Brasilien
sublit, Galerie 149, Bremerhaven
erots, Horror Vacuii Offspace, Leipzig
Tsinghua International Conference on Art and Design Education, Peking, China
Discount, Circa 106, Bremen
Family Affairs, FAQ, Bremen
Botscha, Haus 6, Künstlerhäuser Worpswede
Art Matters 3. Galerie Biesenbach, Köln
Cappuccino Semiotics, Filmfest Bremen

2020
Art in Bremen, Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen
Raus.Project 4.0 mit Frauke Alina Becker, Kassel
Scope, Privatwohnung mit Fabian Sokolowski, Düsseldorf
Happy Meal, Galerie CK, Leipzig
Wir sind für Sie da, Galerie Mitte, Bremen
Completely Knocked Down 1 - Museu de Arte Moderna Aloisio Magalhaes Recife, Brasilien

2019
Remote Patch Bremen, Bismarckstraße 106, Bremen
Hausbesuche, Galerie Mitte, Bremen
Westentasche, Galerie des Westens, Bremen
#9d725b, Tor40 Güterbahnhof, BremenaRaum, Bremen

2018
C. Haake und F. Vaz, mit Christian Haake, Schauburg Kino, Bremen
A_Sample, Galerie beim Schwarzen Meer, Bremen
Das Rätsel der Freiheit, Focke Museum, Bremen