Rebekka Kronsteiner
Arbeiten

so oder so
Tabula Rasa
Blind Blackout
Antipaintings

Nadja Quante
Anlässlich der Ausstellung so oder so, Künstlerhaus, Bremen, 2023

Rebekka Kronsteiner arbeitet an der Schnittstelle von Malerei und Skulptur. Ihre Arbeiten sind geprägt von Spannungen zwischen Bild und Objekt, Bildgebung und Bildträger. Die Künstlerin greift auf industriell gefertigte oder benutzte Materialien aus dem urbanen Kontext zurück, wie beispielsweise Wachs, Latex, Folien, Textilien oder Plexiglas. Diese bearbeitet Kronsteiner, indem sie sie schichtet oder streicht – möglichst ohne einen persönlichen Duktus sichtbar zu machen. Kronsteiner interessieren Prozesse der zufälligen Bildgebung durch Bearbeitung und daraus resultierende Prozesse des Verfalls. Die Materialien altern, bleichen aus, vergilben oder werden porös. Kronsteiner spielt mit Erwartungshaltungen und Wertzuschreibungen. Welche Strategien der Umformung oder Neuordnung sind möglich?

Die Kugeln die den Galerieraum besetzen, sind dreidimensionale Bildträger mit dem Titel Falten falten (2023). Es sind Gymnastikbälle, die, bevor sie aufgeblasen wurden, von allen Seiten mit Lack bearbeitet, wurden. Die Farbe zeichnet die Falten nach, die die Bälle hatten, bevor sie aufgeblasen wurden.

An der linken Wand hängt die zweiteiliges Arbeit one way or another – relief (2023), die wie ein Fries erscheint. Auf dem Relief, für das die Künstlerin Marmor imitierende Klebefolie mit transparenten Plastikkugelhäften beklebt hat ist bei genauem Hinsehen ein Muster zu erkennen. In Braille stehen hier die Worte „so oder so“ und „oder so“. Für diejenigen, die die Buchstaben nicht entziffern können, bleiben es Ornamente. Es geht um die Wertigkeit von Materialien, die Unterscheidung von High und Low, Zuschreibung und unterschiedliches Lesevermögen.

Auch auf dem Gemälde fake it (2023) bearbeitet Kronsteiner Marmorklebefolie und Teichfolie. Die Materialien formen ein abstraktes Bild, das die Zeit weiter zeichnen wird.
An der hinteren Wand ist ein quadratisches Bild in Schwarzweiß zu sehen. Für Feel the Heat (2023) hat Kronsteiner Thermopapier benutzt, das einmal für die Kommunikation per Fax vorgesehen war. Die Künstlerin hat es mit der Hitze des Bügeleisens bemalt; das Papier zeichnet den Boden, die Wände und die Heizkörper ihres Ateliers nach. Anschließend hat sie die Papierstreifen verwebt. Doch die schwarze Farbe wird immer mehr verblassen.

Ihre Arbeit who cares (2023), besteht aus fünf schreibmaschinengetippten Texten in gefundenen und bearbeiteten Rahmen. In den Texten führt Kronsteiner einen inneren Dialog, in denen sie über ihre Arbeiten reflektiert. Die Texte hat die Künstlerin mit der alten MS Olympia- Schreibmaschine ihrer Großmutter geschrieben.

Die Farbbänder, die sie dabei verwendet hat, sind an der gegenüberliegenden Wand als serielle Arbeit zu sehen. Für SM Olympia (2023) hat sie aus das Farbband zu Formen verstrickt und verhäkelt, die zwischen ein einfarbiges Blatt und einen rahmenlosen Bildhalter geklemmt wurden. Jedes wurde mit einer anderen Maschentechnik erstellt. Die auf den Bändern verbleibende Farbe verselbständigt sich teilweise und malt Spuren.

Stricken, Nähen und Weben sind ebenso wie das Schreibmaschinenschreiben als Sekretariatsaufgabe weiblich konnotierte Tätigkeiten – und bis heute meist schlecht bezahlt. Kronsteiner interessiert das Schreibmaschinenband als Träger vielfältiger Ausdrucksmöglichkeiten aber auch die zufälligen Momente im Bearbeitungsprozess des Farbbandes und die Unmöglichkeit der Korrektur.

Fotodokumentation: Fred Dott

Rebekka Kronsteiner
Anlässlich der Ausstellung Tabula Rasa, Galerie K', Bremen, 2022

Durch das Vergehen von Zeit entstehen Leerstellen im urbanen Raum, die ihrer ursprünglichen Funktion enthoben werden. In der Ausstellung bilden sie den Rahmen, den Grund der Bilder. Da ist vor allem das Material, aus denen die Objekte gefertigt sind; Wachs, Latex, Folien, Stoffe und Plexiglas. Es sind industrielle Materialien, aber durchaus solche, die mit der Zeit ihr Aussehen verändern, die ausbleichen, altern, vergilben oder porös werden können. In ihrer aufs Funktionale bedachten Reduktion strahlen sie Kargheit und Vergänglichkeit aus. Durch die vielen Spuren, die zwangsläufig an ihnen haften bleiben, wirken sie eigentümlich privat. Gefundene Materialien aus dem urbanen Umfeld werden mit industriellen Materialien zusammengebracht. Sie nehmen in ihren Formen Bezug aufeinander und stehen meist mit gegensätzlichen Grundeigenschaften in einem spannungsgeladenen Verhältnis. Über die erkennbaren Formen legt sich eine zweite Schicht, die das Konkrete wieder zurücknimmt und den Arbeiten eine gewisse Vagheit zukommen lässt. Unter der Oberfläche scheint etwas verborgen zu sein, so als handele es sich um eine subtile Form der Verpackung. Die Arbeiten aus Wach stellen den Rahmen sowie den Bildinhalt in gleichwertiger Form dar. Die alten Werbetafeln werden zum Display. Sie werden zu Werbetafeln ohne Werbung. Blinde Flecken in Form von semitransparenten und schemenhaften Formen im Inneren. Wachs als Grundstoff mit der Eigenschaft von ultimativer Flexibilität, durch Veränderung der Aggregatzustände, erstarrt zu einer Fläche und wird Bildträger und Bild in einem. In der hier gezeigten Form ist es zerbrechlich und angewiesen auf eine Äußere Begrenzung, um gehalten zu werden. Innen - und Außenraum verbinden sich zu einer untrennbaren Form.­­­

Ingmar Lehnemann
Anlässlich der Ausstellung zum 46. Bremer Förderpreis für Bildende Kunst, Städtische Galerie Bremen, 2022

Rebekka Kronsteiner überträgt Fundstücke aus dem öffentlichen Raum in zwei Kunstwerke, deren Hauptmaterial Wachs ist (das als Abfallprodukt der Erdölgewinnung hier eine kulturelle Wiederverwendung und Aufwertung erfährt). An der Wand finden sich acht Alurahmen, die ursprünglich im Außenraum Werbetafeln beherbergt haben, aber nicht mehr genutzt werden und zurückgeblieben sind. Sie waren als Leerstellen im öffentlichen Raum bereits mit Graffiti übersprüht, als Rebekka Kronsteiner sie abgebaut hat und damit neue Leerstellen im Graffiti zurückgelassen hat, dessen Reste wir nun in der Rahmung ihres Werkes finden. Die leeren Rahmen hat sie mit Wachstafeln gefüllt, die auf den Farben Rot und Blau basieren und pastell- artig gemischt erscheinen. Sie markieren in ihrer zumindest angedeuteten Monochromie einerseits die fehlenden üblichen Inhalte solcher Werberahmen, bieten dafür aber eine hoch

ästhetische Farbfeldmalerei. Die transzendente Qualität des Wachses (und dessen wiederkehrende kunsthistorische Verwendung) wird thematisiert und Elemente wie die rückseitigen Querstreben der Rahmen werden zu schattenartigen malerischen Setzungen. So entwickelt das Material ein (ästhetisches) Eigenleben, was für alle Werke von Rebekka Kronsteiner eine große Rolle spielt, da sie fast immer mit veränderlichen Materialien umgeht, die sich ihrer Kontrolle nach der Fertigstellung entziehen und die ähnlich flüchtig sein können wie die Fundstücke aus dem öffentlichen Raum, die sie zum Thema macht. Dies gilt erst recht für die zweite Arbeit, die rein aus Wachs besteht, bei der es sich um Abgüsse von Baustellenschilderfüßen handelt, die gewöhnlich aus einem gummiartigen Hartplastik bestehen, transportabel aber nicht einfach wegtragbar sind. Sie sind – gar nicht viel anders als ihre häufige reale Farbigkeit – in Rosa- und Weißtönen gehalten. Rebekka Kronsteiner macht die Vergänglichkeit, Veränderlichkeit und Flexibilität des Materials sehr sichtbar, indem sich darin Kerzendochte entzünden lassen, so dass dieses Werk in der Ausstellung zerschmilzt. Als Symbole typischer temporärer Baustellenästhetik und damit eines Paradigmas männlich geprägter Gesellschaftsbereiche werden die Abgüsse in Wachs augenfällig dekonstruiert, auch wenn die Kerzen einen sakralen Moment in die Erfahrung des Werkes bringen mögen. Als herrschaftliche Standortmarkierungen oder Halterungen für Grenzziehungen in Form von Zäunen funktionieren diese Elemente damit nicht mehr, was noch einmal betont, dass sie im Alltag alles andere als neutrale Gebrauchsgegenstände sind.

Fotodokumentation: Lukas Klose
 

Ingmar Lehnemann
Anlässlich der Ausstellung CKD, Städtische Galerie Bremen, 2022

Die Bilder zeigen digitale Collagen aus Kondomen und Einweghandschuhen, Pigmenten, Lacken, Latex und Epoxidharz. Zusammengesetzt ergeben die 14 einzelnen Bildelemente zwei Werke, die sich fragmentieren lassen. 

Der Mechanismus der Dekonstruktion und Konstruktion (CKD) von Objekten für den Transport und die Verteilung an einem anderen Ort, bestimmt konzeptionell das Format der Arbeiten durch die räumliche Begrenzung der Transportbox im Container.

Der Rohstoff Kautschuk wird hauptsächlich in den Regenwäldern des Amazonas und in Südostasien gewonnen. Im Tupi ist der Ausdruck caa ochu, gebildet aus den Wörtern caa (Baum/Holz) und ochu (Träne/Blut) für das "weinende/blutende Holz" oder "die Tränen des Baumes". Die Tränen oder das Blut der Bäume, beziehen sich auf die Arbeit für die Ausbeutung von Rohstoffen weltweit. Sie sind Alltagsgegenstände, die für den einmaligen Gebrauch produziert werden und deren Verfügbarkeit in Deutschland und anderen Industriestaaten selbstverständlich war. Die zwei Jahre der Pandemie haben gezeigt, welche Folgen der internationale Handel in Bezug auf Rohstoffverknappung, Transport und Umweltzerstörung in einem neuen Ausmaß hat. Der Umgang mit Rohstoffen, die Abhängigkeit von scheinbar immer verfügbaren Rohstoffen, sowie deren Bedeutung, dienen  als aktueller Bezugspunkt inner- halb der Arbeiten.

 

CV

Ausstellungen

2023
so oder so, Künstlerhaus, Bremen

2022
Tabula Rasa, Galerie K', Bremen

2021
Camouflage (mir Francisco Valença Vaz), Haus 5, Worpswede

2020
Wir sind für Sie da 1 + 2 (mit Francisco Valença Vaz), Galerie Mitte, Bremen

Ausstellungsbeteiligungen (Auswahl)

2024
Keep Running, Stiftung für konkrete Kunst Roland Phlebs, Freiburg

2023
Happy Hours, GAK / Weserburg. Museum für Moderne Kunst, Bremen
Out of the blue, Böhringer Areal, Göppingen
Experimente V. 4+8 Spuren, Cadoro - Zentrum für Kunst und Wissenschaft zur Verfügung, Mainz
„Warum sieht die Oberfläche vom Mond immer so trocken aus“ Galerie 149, Bremerhaven
46. Bremer Förderpreis, Städtische Galerie Bremen

2022
Galeriefest Kassel, Galeria Kollektiva, Kassel
Completely Knocked Down II - Bremen - Recife Connection“, Städtische Galerie, Bremen
(B)LAST, Mouches Volantes, Köln


2021
STORE _ EROTS, Horror Vacuii, Leipzig
Playground, FAQ, Bremen

2020
Scope, Temporärer Raum, Düsseldorf
Completely Knocked Down – Recife - Bremen - Connection, Museum of Modern Art Aloisio Magalhaes, Recife, Brasilien

2019
#9d725b, Tor40, Güterbahnhof, Bremen