Sibylle Springer

(geb. 1975, Münster, BRD) ist Malerin. Ihre großen Formate fertigt sie zumeist in Acryl auf Leinwand. Bekannt geworden ist sie mit ihren New Yorker Bildserien, die verregnete Straßenszenen und Graffiti in U-Bahntunneln zeigen. Auf ihren Leinwänden lässt sie die Motive implodieren. Zunächst überträgt sie die Szenen, dann legt sie Schicht für Schicht lasierende Acrylfarbschichten darüber. Die Gegenständlichkeit vergeht in gleißenden impressionistisch anmutenden Farbschimmern. Springer nimmt hier den Effekt des Regens und der Geschwindigkeit der U-Bahnen auf. Was bleibt sind Nachbilder – Reste von Erinnerungen an die äußere Wirklichkeit. Aus den nahezu abstrakten Anordnungen ihrer Lichtpunkte lassen sich die Szenerien ansatzweise rekonstruieren. So erkennt man hier und da Bordsteinkanten, Ampeln, Autos und Passanten, die sich vielleicht zu einer vollständigen Straßenszene zusammensetzen lassen.

Als Sibylle Springer 2011 damit begann, sich mit Gewaltdarstellungen und Schockmomenten zu beschäftigen, verfuhr sie zunächst auf eine ähnliche Weise. Die Grundlage für ihre Arbeiten boten ab da alte und aktuelle Kunstwerke, die sich mit Darstellungen von Grausamkeiten befassen. Sie verwendete dabei sowohl Fotografien aktueller Künstler wie Cindy Sherman, als auch Bilder der klassischen Moderne – so etwa von Max Ernst. Oft bezog sie sich jedoch auf die Malerei des Barock. Springer übertrug dabei die Bilder in ihren ursprünglichen Formaten auf ihre Leinwände und bedeckte sie mit immer wieder neuen Farbschichten. Die Acrylfarben trug sie dabei in Punkten, Tusche in Schlieren auf. Die ursprünglichen Bildinhalte werden so überdeckt und verfremdet.

In Springers aktuellen Arbeiten stehen zwar nach wie vor Szenen von Folter und Mord, die sie in Gemälden der Renaissance, des Barock oder des Rokoko findet, im Vordergrund. Aber auch das ambivalente Verhältnis zwischen Sexualität und Lust und Gewalt kommt immer öfter vor.Wiederholtfindet man in diesen Bildern Verschiebungen, die auf filmischen Mitteln wie Schwenk und Zoom basieren. So wird aus einer dunklen, intimen und kleinformatigen Darstellung der Liebes- oder Vergewaltigungsszene zwischen Leda und dem Schwan des französischen Rokoko-Malers François Boucher bei Springer ein riesiges, farblich orgastisches Gemälde.

Springers neuere Bilder bestehen lediglich aus zwei streng aufeinander abgestimmten Farbtönen und wirken beinahe monochrom. Man sieht, als seien die Motive in die Leinwände gewebt, nur eine ganz feine Zeichnung.

Sibylle Springer hat in Bremen an der Hochschule für Künste in der Klasse von Karin Kneffel studiert. 2008 wurde sie mit dem renommierten Karl-Schmitt-Rotluff-Stipendium ausgezeichnet. Ihre Arbeiten befinden sich u.a.  in den Sammlungen der Kunsthalle Bremen und der Kunsthalle Bremerhaven. Sie lebt als Künstlerin in Bremen und Berlin.

 

Ausstellungen
Das Vergnügen
hell

Editionen
Turmbau

Links
sibyllespringer.com

Info

Clash  |  2015
Acryl auf Leinwand, 160 x 200 cm

Galerie

o.T.  |  2015
Acryl auf Leinwand, 60 x 50 cm

Schmerz, Brokat  |  2016
Acryl auf Leinwand, 105 x 140 cm

An der Quelle  |  2014
Acryl auf Leinwand, 240 x 180 cm

Suicide  |  2014
Schwarzpapierzeichnung, 36 x 28 cm

Turmbau  |  2014
Schwarzpapierzeichnung, 42 x 59,5 cm

Das Vergnügen  |  2014
Acryl auf Leinwand, 70 x 100 cm

Wolfgang Ullrich
Wiederholen, überbieten, verfremden – Sibylle Springers Blicke auf die Kunstgeschichte

Im Jahr 2011 begann Sibylle Springer mit der Serie „20 Blicke“, in der sie Werke aus der Kunstgeschichte, die jeweils ein christliches Motiv zum Thema haben, motivisch exakt wiederholt. Dazu gehören so unterschiedliche Werke wie Jean Fouquets 1456 gemalte „Thronende Madonna mit dem Christuskind“, das „Bildnis des Kardinal Filippo Archinto von Tizian“ (1558), „Der heilige Matthäus mit dem Engel von Caravaggio“ (1602), „Berninis Verzückung der heiligen Theresa“ (1645–52), aber auch „Die Jungfrau züchtigt das Jesuskind vor drei Zeugen“ von Max Ernst (1926), Maurizio Cattelans „Die neunte Stunde“ (1999) sowie „Der heilige Sebastian (Pfeile für Märtyrer)“ von Hernan Bas (2007). In jedem Fallhandelt es sich bei den Vorbildern um ungewöhnliche, manchmal sogar um befremdlich, ja absurd anmutende Ikonografien: für die Künstlerin ein Beleg dafür, dass die Werke in einem „spannungsgeladenen Konfliktfeld verschiedener Interessen“ entstanden sind oder aber ihr Sujet nicht nur abbilden, sondern zugleich kommentieren oder kritisieren. In ihren konzeptuellen Überlegungen zu dieser Serie vermerkt sie weiter, dass sie sich gerade für „die Zwischentöne, das Vage und das Zwiespältige der christlichen Ikonografie“ interessiere. (1)

Dieses Interesse wirkt sich auf die Faktur aus, die Springer den von ihr im Originalformat reproduzierten Werken verleiht. Den Malgrund überzieht sie jeweils mit einem vielschichtigen Gespinst feiner Pinselstriche, woraus sich ein Effekt flirrender Unschärfeergibt. Dem Betrachter entzieht sich das Dargestellte, das inhaltlich Rätselhafte wird auch in seiner Erscheinung unbegreiflich, manchmal erahnt man das Vorbild eher, als es zu erkennen. Noch weiter steigert Springer den Eindruck von Fremdheit durch ihre Farbgebung. Unabhängig vom Farbklima der Vorbilder dominieren bei ihr Graublautöne, die um Orange und Pink ergänzt werden. Häufig zusätzlich aufgehellt mit Weiß, lassen die Töne die Sujets milchig und damit noch diffuser erscheinen.

Springer aktualisiert ihre Vorbilder aber auch, indem sie sie in ihre eigene Malweiseübersetzt. Man kann darin eine Aneignung erblicken, doch genauso etwas, das in früheren Jahrhunderten ‚aemulatio‘ genannt wurde: ein Sich-Messen, ja ein Überbieten-Wollen. So steigert Springer Effekte ihrer Vorbilder und zeigt auf diese Weise, wie sie mit ihren malerischen Mitteln dieselben Themen und Sujets angeht, derer sich schonandere Künstler – zum Teil Jahrhunderte früher – angenommen haben. So ist etwa der Vorhang bei Springers Variante des Gemäldes von Tizian dichter als bei diesem; vor allem die vertikalen Linien sind stärker betont, Kontraste, etwa im Verhältnis von Gewand und Hintergrund, sind dramatisiert. Und da die Vorhangfalten an Regenschnüre erinnern, nähert Springer Tizians Bild zugleich einigen ihrer eigenen Gemälde an, etwa „White Noise“ (2010), dessen Sujet der Regen ist.

Springer agiert also in ihren zuvor entstandenen Gemälden mit genau derselben Malweise und Chromatik wie bei den „20 Blicken“. Wenn sie etwa Straßenszenen bei Regen oder mit Graffitis besprühte Wände malt, versetzt sie ihre Sujets ebenfalls in einen undefinierbaren Aggregatzustand und bevorzugt leicht surreale Szenerien, bei denen Diffuses, Zwielichtiges, Verschwommenes, Fehlfarbenes vorherrscht. Für die „20 Blicke“ bedeutet das, dass sie an sich höchst unterschiedliche Originale vereinheitlicht – Originale, die nicht nur verschiedenen Epochen und Stilrichtungen entstammen, sondern auch sowohl Gemälde als auch Skulpturen zum Vorbild haben. Zugleich stellt Springer damit ihre eigenen Bilder in einen größeren Zusammenhang. Im Ritual der –aufwendig-sorgfältigen – Wiederholung bekennt sie, welche Werke aus der Kunstgeschichte sie als relevant für ihre eigene Arbeit ansieht und reflektiert so die Voraussetzungen ihrer bisherigen Werke.

 

Anmerkungen:
(1)  Sibylle Springer: 20 Blicke, unveröffentlichtes Konzeptpapier, 2010

 

Erschienen in:
Sibylle Springer – 20 Blicke
Katalog anlässlich der Ausstellung in der Stiftung Schloss Leuk
Herausgeber: Editor Stiftung Schloss Leuk, Schweiz
Kerber Verlag, Bielefeld 2013

Texte

Einzelausstellungen (Auswahl)

2017

gift, Gesellschaft für Aktuelle Kunst, Bremen

2016

hell, Galerie K’, Bremen
liquid, light, KWS, Einbeck

2014

Das Vergnügen, Galerie K’, Bremen

2013

Hidden, Galerie Anita Beckers, Frankfurt am Main, mit Liat Yossifor
20 Blicke, Bischofsschloss Leuk, Schweiz

2012

L-Train, Künstlerhaus Göttingen

2009

Gleam, Kunsthalle Bremerhaven

 

Gruppenausstellungen (Auswahl)

2015

Großer Hans-Purmann-Preis, Kunstverein Speyer

2014

Ruinen der Gegenwart, Steinbrener / Dempf & Huber, Wien
Karin Kneffel und Meisterschüler, Galerie Eichenmüllerhaus, Lemgo
art up your life, Kunstmuseum Bremerhaven
transition, Ausstellungshalle 1A, Frankfurt am Main
Japonism In Contemporary Art, Nippon Gallery, New York

2013

8Stunden27, Galerie im Traklhaus, Salzburg

2012

Déjà-vu?, Staatliche Kunsthalle Karlsruhe
Karl Schmidt-Rottluff-Preisträgerausstellung, Kunsthalle Düsseldorf

2010

Leinen Los! Kunstverein Hannover, Hannover

2009

Die unsichtbare Hand, Städtische Galerie Delmenhorst

 

Preise und Stipendien

2008

Karl Schmidt-Rottluff-Stipendium

2007

BBK-Stipendium New York

2005

DAAD-Stipendium New York

2002

Stipendium der Studienstiftung des Deutschen Volkes

 

   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   

 

 

   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
 
   
   
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